Demokratie, wir müssen mal reden

„Wir müssen mal reden.“ So eröffne ich manchmal Gespräche mit Menschen, bei denen irgendwas schief hängt, oder bei denen irgendein Umstand unsere Beziehung belastet.

Demokratie, wir müssen mal reden.

Gegen Ende dieser Sommerferien war ich mit vieren meiner Kinder und der Gruppe der Schule auf Kreta. Dort fand die diesjährige EUDEC statt. Es war toll! (Danke an alle in der DSX, Berlin, die mir das ermöglicht haben. DANKE!) So viele Menschen, die alle zumindest eine ganz ähnliche Einstellung zu Schule, Kindern und Erziehung haben. Das war sehr erholsam. Im allgemeinen bin ich in Gesprächen über diesen Themenkreis der Freak, der das „alt bewährte“ in Frage stellt. Vor ein paar Jahren sagte ein Vater im Kindergarten meiner Kinder einmal „Wenn das etwas reelles wäre, hätte es sich ja durchgesetzt.“ Nach den extrem wertvollen Gesprächen mit Menschen aus ganz Europa, Taiwan, Kanada und Kolumbien kann ich ganz beruhigt sagen, dass sich diese Idee ganz allmählich weiter entwickelt und immer mehr durchsetzt.

Die Demokratie im „kleinen Kreis“ also in diesem Fall in einer Schule, funktioniert viel besser als ich mir das früher vorgestellt habe. Jeder hat eine Stimme. Jeder kann, keiner muss.

Und während ich dort zufrieden miterleben kann, wie aus meinen Kindern immer noch stärkere Menschen werden, die das Prinzip Demokratie begreifen und leben, Menschen die Ideen ausarbeiten und zur Abstimmung bringen und auch damit Leben können, wenn sie keine Mehrheit finden, erlebe ich die Demokratie in unserem Land ganz anders.

Ich bringe hier mal ein Beispiel: Irgendwo im Hinterkopf fast aller vernunftbegabten Menschen gibt es die Einsicht, dass wir unserer Erde mit den aktuell immer noch steigenden Mengen an Verbrennungsmotoren schaden. So weit so gut. Ein Blick auf die große Straße, die keine hundert Meter an unserer Wohnung vorbei führt, weckt bei mir eine Sehnsucht. Wenn all die Menschen, die da für sich alleine in einem Auto fahren, weil es bequemer ist, den einen oder anderen Weg schnell mit dem Auto zu erledigen, das einfach einmal nicht tun würden…

Ich behaupte, dass ein verdammt großer Anteil dieser Fahrten mit dem Fahrrad, zu Fuß oder auch gar nicht zu erledigen wären. Es geht um Bequemlichkeit, Zeitersparnis und Status. Die Fahrten, die tatsächlich nötig sind, könnten wir wahrscheinlich mit einem besser ausgebauten ÖPNV erledigen. Auf den Straßen blieben die übrig, die beruflich unterwegs sind und die wenigen Menschen, die wirklich begründet mit einem Auto von A nach B gelangen müssen.

Als eine tolle Möglichkeit das besser zu machen, wurde uns das Car-sharing verkauft. Das ging allerdings voll nach hinten los. Menschen, die früher mit dem Bus, Rad oder gar nicht gefahren sind, sind jetzt mal eben kurz mit dem Auto unterwegs. Dadurch wurden es also mehr Autos auf der Straße, da es ja so viel billiger ist ein Auto zu nutzen ohne erst eines kaufen zu müssen.

Nun stellt Euch doch mal auf eine große Straße, und macht folgendes Gedankenexperiment: Zuerst betrachtet wie viel Platz dort den Fußgängern eingeräumt wird. Dann überlegt, wer bei den Ampelschaltungen bevorzugt wird. Denkt zuletzt noch kurz an die Situation der Radfahrer. Jetzt zum Clou dieser Betrachtung: Überlegt einmal was los wäre, wenn man den Autoverkehr, also die Autofahrer so einschränken würde, wie es mit allen anderen zugunsten der überdimensionierten Blechmonstren ganz „normal“ ist. Ampelschaltungen, die Fußgänger flüssiger voran kommen lassen? Fahrradwege, auf denen wirklich nur Fahrräder unterwegs sind und sich niemand sonst traut „mal eben schnell“ zu parken oder die auf ein absurdes Maß eingeschränkt werden, damit für Autos genug Platz ist? Eine extra Parkspur für Kinderwagen und Fahrräder?

Undenkbar!

In der Schule habe ich einmal gelernt, dass die freien Bürger des alten Rom überlegt haben, ob sie die Sklaven in der Stadt nicht sichtbar als solche kennzeichnen sollten. So wüsste man immer gleich, mit wem man es gerade zu tun hat. Der Gedanke wurde verworfen. Die Sklaven sollten besser nicht realisieren, welch großen Anteil sie an der Bevölkerung haben.

Wie viele Menschen sind denn in unseren Straßen heute nicht als Einzelperson im Auto unterwegs? Wie viele Kinder hätten einen sichereren Weg zu Kindergärten und Schulen? Wie viele Flächen könnten grün sein, wenn dort nicht mehr so viele Autos stehen „müssen“?

Oder anders herum: Sind es so viele Menschen, die wirklich immer schnellere Autos benötigen, die um der Sicherheit willen immer mehr an Panzer erinnern und deswegen immer größere Motoren benötigen um das immer noch größere Gewicht zu beschleunigen? Wiegt die Sicherheit und Geschwindigkeit der Autofahrer tatsächlich die ständige Gefahr für Fußgänger auf?

Es vergehen kaum einmal zwei Wochen ohne die Schagzeile, dass wieder ein Radfahrer, oft minderjährig, von einem rechts abbiegenden Fahrzeug getötet wurde. Kinder sollen lieber keinen Löwenzahn mehr für ihre Kaninchen/Meerschweinchen/Hamster pflücken, da der durch den Autoverkehr zu belastet, also gesundheitsschädlich ist.

Wollen wir dass so? Ehrlich? Warum ist dann so, und was hat das mit Demokratie zu tun?

Es ist ganz normal und legal, dass ein Konzern wie die Daimler AG den etablierten Parteien regelmäßig große Summen spendet und Menschen nach ihrer Zeit in der Politik/Regierung zu eben diesen Konzernen wechseln. (Siehe z.B den Wechsel von Herrn von Kaedenz aus dem Kanzleramt zu Daimler und den Artikel über Großspenden bei Spiegelonline vom 26.12.2017)

Mancher wird jetzt sagen, dass der Kapitalismus eben so ist.

Wollen wir, dass das so ist? Wollen wir, dass Abgeordnete nicht nach ihrem Gewissen, sondern nach den Quellen ihrer Gelder abstimmen? Ist das unsere Demokratie und die freiheitlich demokratische Grundordnung? Sollen die, die keine Gelder spenden wollen oder können auch nicht wirklich in unserer Demokratie berücksichtigt werden? Sollen die schlechter gestellten Menschen hier sich weiter sehr preiswert das Hirn in billigen Fusel einlegen, weil das gut für den Umsatz der Alkoholproduzenten ist? Muss es weiterhin ganz einfach sein, sich in die Abhängigkeit von Tabakprodukten zu ergeben, aber sehr schwierig, für Oma eine Pflegekraft zu bezahlen? Ist es gut und richtig, dass die 10% von uns Menschen hier, die am meisten besitzen, mehr Geld zur Verfügung haben als die restlichen 90%? Und sollen eben diese 10% auch entscheiden, was für uns alle am besten ist?

Willst Du so weitermachen, liebe Demokratie?

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin von der Demokratie als solche überzeugt. Ich glaube fest daran, dass die Demokratie das System der Wahl ist. (unabsichtlicher Wortwitz!) Nur bin ich eben auch davon überzeugt, dass unsere Demokratie hier in unserer Republik und auch anderswo erkrankt ist. Unsere Demokratie ist irgendwo falsch abgebogen. Solange wir aber nicht bemerken, dass wir (die Regierten) viel mehr sind als die (die Regierenden), solange wir das mit uns machen lassen, wird sich nichts ändern.

Nein, eine extreme Partei zu wählen, um es „Denen“ mal zu zeigen, ist keine kluge Entscheidung. Eine Revolution möchte ich ebenso wenig als probates Mittel bezeichnen.

Mein Fazit: So kann es nicht weiter gehen.

Ich bin leider nicht klug genug, um eine Lösung aufzuzeigen. Deswegen, liebe Demokratie, müssen wir reden. Es gibt ein paar Dinge, die sich ändern müssen, damit unser System ein gerechteres wird. Es ist nicht gut, dass Du, liebe Demokratie, die Bedürfnisse der „einfachen“ Wähler hinter die Interessengruppen mit dem Kapital stellst. Es ist nicht gut, dass Regierunsmitarbeiter und Politiker, die für die Minderheiten mit dem Geld arbeiten, sich später in das von eben diesen Minderheiten gemachte Bett legen können, während die Massen in dem Glauben gelassen werden, dass sie die Minderheit sind.

Ich hoffe, unsere Kinder können diese Missstände einmal beheben und in einer besseren Demokratie leben. Ich hoffe, dass demokratische Schulen unter anderem genau das für unsere Zukunft bewirken.

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Schrei nach Gerechtigkeit

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Tötung gelesen. Ein jugendlicher Mann hat eine ungefär gleichaltrige Frau erstochen. Beide waren noch minderjährig.

Gelesen habe ich jedoch nichts davon, wie es jetzt den Familien geht, oder die Frage nach den Umständen, wie es zu der Tötung kam. Die Menschen, die sich im Netz darüber ausließen, wollten nur wissen, ob der Täter ein Ausländer war („Danke Frau Merkel, dass Du uns den Täter aus Afrika hier hergeholt hast.“), und ob die Strafe für Totschlag denn hoch genug ist („Bei Totschlag ist der doch mit 20 schon wieder draußen und kann die nächste abstechen.“).

Seit dem wälze ich die Gedanken daran immer wieder hin und her.

Warum ist es wichtig, wo der Täter her kommt?

Der Populismus unserer Tage unterstützt und fordert ein Denken in den Kategorien „Wir“ und „Die“. Die Unterstützer dieser Polarisierung sind „Wir“ also „Wir Deutschen“ oder „Wir hellhäutige Westeuropäer“. Jeder, der von „Denen“ „hier bei uns“ eine Straftat begeht, soll gefälligst wieder zurück „dahin, wo er hergekommen ist“. Wenn also ein Mensch mit dunkler Haut etwas Sträfliches tut, soll er gleich wieder in das Land, in dem seine Oma mal gelebt hat.

Dazu muss man wissen, dass es für „Uns“ reicht, dass jemand in der Liste seiner näheren Vorfahren jemanden hat, der nicht zu „Uns“ hellhäutigen Westeuropäern gehört, damit er nicht mehr in die Kategorie „von hier“ also zu „Uns“passt.

Das macht Straftaten, die zwischen zwei Parteien von „Uns“ geschehen sozusagen zu einer internen Angelegenheit. Im Gegensatz dazu stehen die Straftaten, die einer von „Denen“ verübt. Das sind unzumutbare Verbrechen, da es nie geschehen wäre, wenn „Die“ da geblieben wären, „wo sie herkommen“.

Einen Sonderfall stellen Straftaten da, die einer von „Uns“ gegen einen von „Denen“ verübt. Diese Fälle sind im eigentlichen Sinne nie eine wirkliche Straftat, denn im Grunde müssen „Wir“ uns ja mal richtig gegen „Die“ verteidigen und „Die“ hätten ja einfach mal da bleiben sollen, wo „Die hingehören“.

Ich möchte mich hier übrigens spätestens jetzt deutlich von „Uns“ distanzieren.

Zurück zum Beispiel vom Anfang:

Ist also der junge Mann ein Mensch, der dunkler pigmentiert ist, als der durchschnittliche Westeuropäer oder sprechen seine Großeltern muttersprachlich etwa arabisch oder türkisch, ist er für „Uns“ klar einer von „Denen“. Ist jetzt noch die junge Frau eine von „Uns“, dann ist die Tat, unabhängig von allen anderen Umständen ein Angriff auf „Uns alle“ und kann gar nicht drakonisch genug bestraft werden. Am besten gleich alle von „Denen“ mit abstrafen, denn „Die“ haben das so verdient, spätestens seit sie hier bei „Uns“ sind.

Ist die Junge Frau eine von „Denen“ interessiert es „Uns“ schon nicht mehr so sehr. Denn entweder war das ja eh eine Schlampe, weil von „Denen“ und „Die“ machen das „unter sich“ eben so, oder der Täter war einer von „Uns“ dann sollte man ihn vielleicht mit dem ausgestrecktem Zeigefinger ermahnen und dann aber wenn die Kameras weg sind, auf die Schulter klopfen. Denn schließlich sind „Wir“ wieder eine von „Denen“ losgeworden.

Aber selbst jenseits dieser geistig armen Auswüchse der besorgten Heimatverteidiger ist der Ruf nach harten Strafen laut. Warum? In dem Alter, in dem das erste Mal die Hormone in den Adern eines Jungen Menschen hoch kochen, macht er einen schweren Fehler. Warum ist es dann wichtig zu bestrafen? Wem hilft das noch?

Natürlich wäre es gänzlich falsch, die Sache ohne Konsequenzen auf sich beruhen zu lassen. Aber wo kommt dieses Verlangen nach Strafe her?

Irgendwann wurde beim Volk Israel das Prinzip „Auge um Auge“ eingeführt. Und bevor sich jetzt alle dem Gedanken ergeben, dass das ja wohl auch gerecht ist, sollten wir diese Entwicklung mal genauer beleuchten.

Dieses Prinzip sollte nicht dazu führen, dass endlich der, der einem anderen ein Auge zerstört hat auch ein Auge verliert. Es sollte dazu führen, dass der, der einem anderen ein Auge zerstört hat bitteschön nicht mehr passiert, als dass ihm auch ein Auge genommen wird. Es führte eine verhältnismäßige Höchststrafe ein. Wenn mir also der Klaus mit dem Stock ein Auge aussticht, soll nicht gleich meine ganze Familie auf die von Klaus losgehen, seine Schwestern vergewaltigen, sein Vieh abschlachten und den Hof nieder brennen. Als aller höchste Strafe ist es sein Auge das ich fordern kann, wenn es keine andere Einigung gibt.

Das galt übrigens auch nur, wenn ich und der Klaus freie Männer sind. Kinder, Frauen und unfreie Menschen hatten diese Regelung des gedeckelten Höchstmaßes nicht, und wurden meist über Geld oder ähnliche Wiedergutmachung geregelt, die dann allerdings der Ehemann, Besitzer oder Vater bekam.

Es war ein Novum im Rechtssystem, das übrigens von anderen Völkern übernommen wurde (z.B. die Perser hatten dieses Prinzip schon lange vorher in ihre Rechtsprechung übernommen) um Blutfehden und Sippenkriege durch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu begrenzen. Wie wir heute wissen bis dato mit mäßigem Erfolg, siehe oben.

Einige Tausend Jahre später schreien wir Menschen aber immer noch nach Vergeltung, Rache und Strafen.

Wenn ein Kind etwas böses tut, also z. B. heimlich Pudding aus der Küche in Mamas Bett schmuggelt und dort kleckert, geht es hinterher meistens um Vergeltung. Das Kind darf beispielsweise zur Strafe einige Zeit nicht fernsehen.

Meine Frage dazu: Wem ist damit geholfen? Was lernt das Kind daraus? Wenn ich mich erwischen lasse, darf ich die Sesamstraße nicht sehen? Oder zurück zu den Jugendlichen Menschen weiter oben: Was bringt denn der Gefängnisaufenthalt?

Da geht es um das unbestimmte Bauchgefühl „Dem haben wir es jetzt aber gegeben!“ oder „Der überlegt es sich in Zukunft zweimal, ob er Pudding…“ Oh, Entschuldigung! „… ob er mit dem Messer auf jemanden los geht!“ Warum haben wir das Gefühl: „Das muss bestraft werden!“?

Statistiken, Studien und Gutachten belegen seit sehr langer Zeit, dass härtere Strafen in keinem Zusammenhang mit der Anzahl der verübten Straftaten stehen. Auch wenn man jedem gefassten Mörder das Lebenslicht ausbläst, senkt das nicht die Anzahl der weiterhin verübten Morde. Nebenbei hat auch kein einziger der Ermordeten jemals zu Protokoll gegeben, dass es ihm Erleichterung verschafft, wenn nach seinem Tod noch ein Mensch stirbt.

Was lernt der Junge Mensch also aus seinem Gefängnisaufenthalt nach der Tat? Er lernt, dass es mies ist, sich erwischen zu lassen. Er lernt von seinen Mitinsassen wie man mit einem Kochtopf und etwas Backpulver den Verkaufswert von Heroin steigert. Wie man illegale Waffen vor der Polizei versteckt, ssssspuren verwischt und dass er blöd war sich so einfach erwischen zu lassen.

Er ist also wenn er aus der Haft entlassen wird geläutert? Ein besserer Mensch?

Also noch einmal die Frage: Warum schreien wir nach einer Tat nach Vergeltung oder Rache? Tun wir nicht, wir nennen es Gerechtigkeit, aber das ist Schönfärberei.

Die eingangs beschriebenen Menschen, wollen die harten Strafen für „die Anderen“, um sie aus dem Revier zu graulen. O.K., drakonische Strafen um die eigene Gruppe von den bedrohlichen Fremden abzugrenzen. Strunzdumm, aber nachvollziehbar.

Aber auch die, die keine rassistischen Motive haben, sind unbefriedigt, wenn der Täter nur therapiert und nicht hart bestraft wird. Warum?

Ich fürchte, da werden wir, und jetzt meine uns als Menschen und nicht „Uns“ im Gegensatz zu „Denen“, noch viel an unserem Rechtsempfinden arbeiten müssen, bis es auch gefühlsmäßig nicht mehr um das Abstrafen geht, wenn wir Gerechtigkeit fordern.

Urban Fanatasy

„Welche von den Tassen gehören Dir?“

Ich glaube das alles nicht.

Der Kaffee hilft ein bisschen.

Der Typ in der Nieten-Lederjacke kramt in unserem Geschirr.

„Ist egal. Nimm Dir irgendeine.“ Macht er sich wirklich gerade Sorgen, die falsche Tasse zu benutzen? Vor nicht einmal einer dreiviertel Stunde hat er meinem Flirt ein Essstäbchen durch das Auge ins Hirn getrieben. O.K. die Süße hatte auch gerade versucht mich mit so einer Art Tintenfischarm heimlich zu erwürgen…

Ich weiß gerade gar nicht, was hier abgeht. Wer ist der Typ eigentlich?

„Ich heiße Borke.“

Na prima! Jetzt liest der auch noch meine Gedanken!

„Nur die ganz oberflächlichen und auch nur wenn Du so wirr im Kopf bist, wie jetzt.“

„Ehrlich?“

„Nein, war‘n Witz“ Er hält eine alte abstoßend hässliche Blümchen-Tasse mit Goldbesatz in der Hand. Ich glaube, die war hier schon hier, bevor ich in die WG einzog.

„Na prima, dann wird die gehen.“

Seinen Kaffee hat er in einer Tasse mit dem Logo einer Baumarktkette. Die Blümchen-Tasse stellt er zwischen uns auf den Tisch. Aus seinem speckigen Rucksack zieht er eine Flasche „Dungersbacher Edelkorn“ und gießt erst mir und dann sich selbst einen guten Schluck in den Kaffee.

Eigentlich trinke ich höchstens mal Rotwein oder ein Bier.

Borke lächelt. Er hat Piercings in der Lippe, in den Augenbrauen und der Nase. Der Schädel ist bis auf einen recht kurz geschorenen Iro rasiert und bis in den Kragen herunter mit Käfern, Spinnen und Skorpionen tätowiert. Die Hände wirken irgendwie alt und geschwollen.

Was ist eigentlich gerade passiert? Es fühlt sich wie ein schlechter Film an.

„Ja, das ist erst mal schwer zu schlucken. Die Alte erklärt Dir das gleich.“ Borke grinst. Ihm fehlen ein paar Schneidezähne. „Trink den Kaffee, sonst klappst Du mir ab, wenn sie hier ankommt.“

Ich trinke einen Schluck aus meiner Tasse. Der Kaffee schmeckt nach Schokolade und Zimt. Ich erinnere mich an meine Oma. In Ihrer Küche roch es so, wenn wir sonntags zum Kuchen zu ihr kamen.

„Was hast Du in den Kaffee getan?“

Es antwortet eine alte Frauenstimme. „Jedenfalls keinen Schnaps.“

Da steht eine alte dicke Frau mit Kopftuch am Küchenfenster. Sie sieht aus wie eine dieser kleinen gebeugten Türkinnen im Nahost-Supermarkt. Zerknitterte dunkle Haut, Kopftuch und ein braunes Kleid-Mantel-Kutten-Ding herunter bis zu den Knöcheln.

Borke zieht ihr einen Stuhl zurecht und die Alte setzt sich.

Mir schmeckt der Kaffee und ich fühle mich prima. Ja, das Mädchen, das ich nach dem Konzert noch auf eine Portion Nudeln beim Thai eingeladen habe, hatte irgendwie dann Fingernägel, die die Länge der Stäbchen erreichten, grau und verhornt und auf ihrer Stirn schimmerten silbrige Schriftzeichen, als ein dünner Tintenfischarm unter meinem T-Shirt hindurch versuchte, mich zu erwürgen. Aber Borke hatte das ja geregelt. Er hat ihr einen gelb-roten Papierstreifen auf den Rücken geklebt und ihr eins von den Stäbchen bis zum Anschlag ins Auge gedrückt. Dann hat er mein Portemonnaie aus ihrer Jacke gezogen und wir sind zu mir gegangen.

Die beiden sehen mich mit großen Augen an. Ist mir gerade egal.

Borke nickt langsam.

Die alte betrachtet die hässliche Blümchentasse. „Ich weiß nicht ob die Tasse genug Erfahrung hat.“

Borke öffnet noch einmal den Hängeschrank und blickt auf das Geschirr. „Hier ist nichts, das auch nur annähernd eine brauchbare Aura entwickelt hat. Die wird reichen müssen.“

„Na gut.“ Die Alte nimmt mir die leere Kaffeetasse aus den Händen. Sie hat unglaubliche Augen. Sie stellt die häßliche Goldrandtasse vor meiner Nase auf den Tisch. Es ist, als würde mich ein weit entfernter Stern durch ein Teleskop aus Bernstein anleuchten. Es legt sich ein Rauschen und Murmeln über meine Ohren. Ich habe das Gefühl gleichzeitig sehr massiv und schwer und schwerelos schwebend zu sein. Fühlt sich toll an. Dann zieht ein Schleier oder Vorhang zwischen mich und die Erlebnisse beim Thai-Imbiss. Die Aufregung wird durch sanfte Ruhe ersetzt.

STOPP! Das sind MEINE Erinnerungen!

Der Schleier zerpufft zu schoko-zimtigen Nebel. Ich stehe in der Küche meiner Oma. Sie hat Kuchen gebacken.

Nein, das ist nicht echt! In der Küchentür schließt sich ein Vorhang oder eher schon eine Wand aus Schwärze. Ich stehe bei Oma in der Küche und hinter meiner Großmutter, hinter der schwarz verhängten Küchentür ist etwas anderes. Etwas gar nicht ruhiges. Grüne Currysoße mit Kokos und Chili. Eine Begegnung mit etwas großem, das sich im Schutz des schwarzen Vorhangs von mir zurück zieht und sich auflösen will.

Das ist nicht meine Oma! Sie trägt ein orientalisches Kopftuch und hat dunkle zerknitterte Haut. WEG DA! Ich schiebe die Alte beiseite und zerreiße die schwarze Wand.

Da ist meine neue Bekanntschaft. Sie sieht wirklich gut aus und lächelt mich immer wieder verspielt und verführerisch an. Sie hat unter der Haut eine fremde Schrift. Auf der Stirn und den Unterarmen. Diese Schrift zieht mich in ihren Bann. Ein ungegebenes Versprechen, erotisch lockend, verborgen in der unsichtbaren Schrift die ich noch gar nicht gesehen habe.

Da ist Borke. Er hat eine Tasse mit heißem Kaffee, in die er einen guten Schluck „Oggersheimer Schlehenbrand“ gießt. Ich fühle mich wieder ganz ruhig. Ich rieche Zimt, Kaffee und Schokolade und der Dampf aus der Tasse ist warm und entspannend. Als würde ich in ein großes weiches Federbett sinken, das zugleich frisch und kühl auf der Haut ist und doch warm und…

JETZT REICHT‘S! Ich trete mit aller Kraft durch die schwarze Mauer und Borke die Tasse aus der Hand. Etwas rumpelt laut und ich höre Holz krachen und Geschirr brechen.

Sie sagte ihr Name sei Yasmin und Borke hat sie mit einem Stück gelben Papier auf dem Rücken erst verlangsamt und dann ein Essstäbchen aus ihren Nudeln genommen und es ihr blitzschnell durchs Auge in den Schädel gedrückt. Dabei habe ich die Silberschrift gesehen und die verfaulten Zähne in ihrem grotesk verzogenem Maul. Die Schrift zerfloss zu Rauch und Yasmin zerfiel zu grauem Sand, der im Boden versickerte.

DAS SIND MEINE ERINNERUNGEN! FINGER WEG!

Ich stehe wieder in der Küche der WG. Die Alte ist mit ihrem Stuhl nach hinten umgefallen. Der Küchentisch ist zertrümmert und Borke liegt mit blutig verquollenem Gesicht unter den Resten unseres ehemaligen Hängeschranks auf dem umgefallenen Küchenschränkchen zwischen Scherben und Besteck. Das Spülbecken liegt verbeult am Boden und von dort, wo unsere Spülarmatur an der Wand war, schießt eine Fontäne kalten Wassers bis ans Küchenfenster auf der anderen Seite.

Die Alte steht auf, als wäre sie nur eben über die Katze gestolpert. „Dann werden wir ihn wohl ausbilden müssen.“

Borke erhebt sich unter Stöhnen. Seine Lippe ist aufgeplatzt und dick und seine Nase gebrochen. Ihm läuft das Blut in einem dunkelrotem Rinnsal aus dem Gesicht, bevor es sich mit dem Wasser aus der Wand zu einem zartem Rosa auf dem Küchenhandtuch verwischt, dass er sich aufs Gesicht drückt. Er murmelt etwas schimpfend in das nasse Tuch. Aus der Tasche seiner Lederjacke holt er einen rot-gelben Papierstreifen hervor und schlägt ihn mit der flachen Hand außen gegen das Handtuch vor seinem Gesicht. Unter dem Tuch glüht für einen Moment ein warmes Licht, wie von einer Kerze.

Lorea und die Schwarze Glock

Seit kurzer Zeit bin ich bei Schreibnacht angemeldet. Dort gibt es in unter der Rubrik Schreibhandwerk alle zwei Monate eine kleine Aufgabe, an der die aktiven Schreiberlinge ihre Arbeiten gegenseitig durch konstruktive Kritik verbessern. Eine tolle Sache!

Nun sind aber Schreibnacht auch Schreiber unterwegs, die die Volljährigkeit noch nicht erreicht haben. Anstößiges, Brutales oder sexuell zu Eindeutiges kann dort also nicht veröffentlicht werden.

Die aktuelle [Aufgabe 16] ist „Märchen“. Nachdem ja Hauptkommissar Zwerg schon eher locker auf diesem Gelände unterwegs war, habe ich dieses Mal doch eher eine härtete Gangart gewählt.

Aus meiner Feder sind keine präsentablen Bilder auf das Papier zu kriegen, habe ich die Illustrationen aus dem Inneren meines Schädels in Prosa eingefügt. Wer sich berufen fühlt Illustrationen zu erstellen, darf sie mir gerne unverbindlich zusenden.

Also hier mein Märchen von Lorea und der schwarzen Glock. Der Text ist ab 18!

 

[Aufgabe 16] Mai und Juni 2017: Märchen.

Es war einmal, vor gar nicht all zu langer Zeit, da lebte eine arme junge Frau, die hieß Lorea. Sie lebte mit Ihrem Bruder zusammen in einer ärmlichen Hütte am Rande der Stadt. Der Vater der beiden war unlängst gestorben, denn er hatte dem Weine all zu haltlos zugesprochen und war so in den Graben gestürzt und sodann gestorben.

(Bild von einem, der mit dem Gesicht nach unten vor einer Kneipe unter einer Straßenlaterne auf der Straße liegt, die Flasche noch in der Hand)

An jedem Tag der Woche kamen aber die Herren aus der Stadt zu Loreas Bruder und gingen ihn um die Schulden an, die der Vater bei ihnen hatte. Sie sprachen zu ihm:“dein Vater hat sich glänzende Taler von uns geben lassen, um sich Wein zu kaufen. Jeden Tag sagte er uns, dass er am morgen zur Arbeit auf unsere Felder gehen wolle und uns so die Taler vielfach zurück zahlen würde. Doch zur Arbeit auf den Feldern kam er nicht. Jetzt haben wir die Taler nicht mehr und die Felder liegen brach. Du sollst nun für die Schuld deines Vaters für uns arbeiten und erst wieder Heim gehen, wenn du die Taler abgearbeitet hast oder d Rücken von der Arbeit bricht.“

(Bild von einem Inkassobrief auf dem Couchtisch neben Aschenbecher, Kippen und Bierdose)

Doch Loreas Bruder war verbittert im Herzen, denn das Schicksal seines Vaters grämte ihn sehr. So sprach er schließlich im Zorn zu den Herren aus der Stadt:“Ich will nicht arbeiten für meines Vaters Schulden, denn er war ein schlechterer als ich und hat mir nicht Brot noch Holz für den Ofen hinterlassen. Alles gab er her für seinen Wein. Ihr gabt ihm die Taler und wusstet doch, das er nur Wein dafür trinken wollte und nimmer seinen Rücken auf den Feldern beugen wollte. Ich kann nicht für Eure Torheit und nicht für die Trunksucht meines Vaters. Geht und kommt nie wieder!“

Da wurden auch die Herren aus der Stadt zornig und schlugen Loreas Bruder und traten ihn mit Füßen, bis er am Boden lag und dann noch. Als sie von ihm ab ließen, sprachen sie:“ Wir kommen morgen wieder und den Tag danach und am Tage danach. Wir wollen dich jeden Tag schlagen und mit Füßen treten, bis wir als Mindestes die Taler von dir haben, die uns dein Vater zurück zu zahlen versprach.“

(Bild vom Bruder, blutend am Boden, die Eintreiber stehen drohend über ihm)

Da weinte Loreas Bruder bitterlich und alle Hoffnung wich aus ihm und sein Herz wurde finster. Aus dieser gramen Verzweiflung heraus sprach er:“ Ich habe eine Schwester, die ist jung und schön. Nehmt sie zu Euch und sie soll bei Euch liegen und Euch dienen. So Ihr das aber tut, sollt ihr nimmer mehr von meines Vaters geliehenen Talern sprechen und mich nimmer mehr schlagen und mit Füßen treten.“

Da nahmen die Herren aus der Stadt die schöne Lorea mit und sie musste bei jedem von ihnen liegen und ihnen dienstbar sein, bis die Herren aus der Stadt es leid waren, dass Lorea bei ihnen lag und sie auch nicht mehr wollten, dass sie ihnen dienen sollte.

(Bild von einer offenen Zimmertür. Ein schlaffer Arm ist mit einer Handschelle am Bettgestell befestigt. Ein Mann geht aus dem Zimmer, schließt sich die Gürtelschnalle, ein anderer geht hinein)

Sie trugen die schöne Lorea zur alten Hexe in den Wald. Die Hexe zahlte den Herren aus der Stadt noch viel mehr Taler als sich der Vater je geliehen hatte, denn im Haus der Hexe gab es Frauen und Mädchen, die bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern liegen mussten und die Hexe bekam dafür viele Taler von den garstigen Männern und einen Teil der Beute von den schmutzigen Räubern.

(Bild von einem Bordell im Wald. Leuchtreklame „Exotic Dance, Sweet and Bitter“ oder so in der Art. Auf dem Parkplatz stehen viele Motorräder.)

Als nun Lorea Jahr und Tag im Haus der Hexe bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern gelegen hatte und schon fast jede Hoffnung aus ihrem Herzen gewichen war, kam die Hexe zu ihr und sprach:“Geh und wasche dich bis du ganz sauber bist und kämme dir dein Haar bis es gülden glänzt, denn es kommt der Hauptmann aller Räuber des Waldes und er hat von deiner Schönheit gehört und will, dass du bei ihm liegst.“ Aus Angst vor harter Strafe tat Lorea, wie ihr geheißen war. Alsdann schloss sie die Hexe in ihrer Kammer ein, wo sie des Räubers harrte.

Mit großem Getöse und mit derben Scherzen polterten des Abends die Räuber in das Haus der Hexe. Sie waren noch schmutziger als sonst, denn sie hatten üppig Beute geschlagen und hatten schon in ihrem Lager mit Wein gefeiert. Der größte und schmutzigste von ihnen war ihr Hauptmann. Sogar die Hexe hatte große Furcht vor dem Hauptmann. Denn wenn einer nicht gab, was er verlangte, wurde er von seiner schwarzen Fee laut niedergeschrien und mit ihrem Donnerzepter geschlagen.

(Bild von einer Horde Biker auf dem Parkplatz vor dem Bordell, die zum Teil gerade von den Motorädern steigen und zum Teil schon abgestiegen sind. Der größte und breiteste hat eine Flasche in der Hand hoch erhoben. Auf Dem Rücken der Lederwesten ist ein Gang-Logo)

Als nun Lorea beim Hauptmann aller Räuber des Waldes liegen musste sprach ein helles Stimmlein zu ihr. „Wisse: Einst war ich die lieblichste Fee und alle nannten mich Silberglöckchen. Doch jetzt bin ich so lange bei den schmutzigen Räubern, dass mir alle Hoffnung aus dem Herzen gewichen ist. Ich selbst bin nun ohne Hoffnung und ganz schwarz geworden. Lass nicht die Hoffnung ganz aus deinem Herzen weichen, sonst wird auch dein Herz schwarz und dumpf wie eine alte schwarze Glock.“ Und obwohl Lorea selbst genug Leid für sich hatte, rührte sie das Schicksal der alten Glock.

Lass uns beide einander Hoffnung geben“ sprach da Lorea zur alten Glock, denn der Hauptmann war bald neben ihr im Rausch eingeschlafen. „Sage mir wo du bist und ich will dir helfen so gut ich es vermag. Vielleicht kannst ja du mit meiner Hilfe in die Freiheit fliegen ehe der stinkende Hauptmann wieder erwacht. Schon damit dass du wieder in Freiheit bist, würde ich wieder ein wenig Hoffnung im Herzen tragen können. Genug Hoffnung vielleicht, um mein Leid zu ertragen, denn ich muss hier Tag um Tag bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern liegen.“

Da sah die alte schwarze Glock, dass Lorea sich ein tapferes Herz bewahrt hatte und jede der anderen würde helfen können.

Siehst du das lederne Beutelchen des Hauptmannes?“ Sprach die schwarze Glock. „Öffne es und lasse mich da heraus frei, und ich werde den Hauptmann und alle, die dir Böses wollen, anschreien und sie mit meinem Donnerzepter schlagen, denn ich bin es Leid einem schmutzigen Räuber zu dienen.“

(Bild vom Gesicht Loreas. Sie liegt auf dem Rücken, der Körper von einem dicken Biker verdeckt, der die Hosen in den Kniekehlen hängen hat und auf ihr liegt. Ihr Blick ist auf eine Pistolentasche am Gürtel des Bikers gerichtet.)

Sobald Lorea das Beutelchen des Hauptmannes geöffnet hatte, sprang ihr die alte schwarze Glock in die Hand und schmiegte sich ganz in die Hand hinein, und Lorea und die alte schwarze Glock genossen einander Wärme und Güte spüren zu lassen. Doch als sich Lorea und die alte schwarze Glock dem Hauptmann aller Räuber des Waldes zuwandten, schrien sie ihm gemeinsam all ihre Wut und Wehe entgegen und die alte schwarze Glock schlug ihn fürchterlich mit ihrem Donnerzepter vor die Brust und auf die Stirne hin. Sodann kamen die anderen schmutzigen Räuber gelaufen, denn sie wunderten sich wer da so schrie und donnerte und Lorea und die alte schwarze Glock schrien auch gegen sie fürchterlich und das Donnerzepter traf sie alle und streckte sie lang auf dem Boden hin.

(Bild von Lorea noch in Strumpfbandhalter und Korsage wie sie mit der Rauchenden Glock vor ihrem Zimmer steht. Durch die geöffnete Tür sieht man den dicken Biker auf dem Bett und einige seiner Kumpane auf dem Boden liegen.)

Als dann die Hexe kam, denn es sorgte sie um ihren Anteil an der Beute der Räuber, schrien Lorea und die alte schwarze Glock auch die alte Hexe so über das Unrecht gegen die Frauen und Mädchen in ihrem Hause an, das ihr die Ohren klangen. Das Donnerzepter traf sie viele Male, bis die Wut Loreas und der alten schwarzen Glock für ein erstes gestillt war. Zu den Mädchen und Frauen in den anderen Kammern im Haus der Hexe sprach Lorea:“Geht fort aus diesem Haus und diesem Wald und sucht euer Glück anderswo und denkt nicht zurück an garstige Männer, schmutzige Räuber oder die Hexe, denn die sind für immer fort.“ Dann schenkte sie jeder einen Teil aus der Beute der Räuber und verbrannte das Haus der Hexe mit allen Räubern darin, auch wenn die noch so stöhnten oder um Gnade bettelten.

(Bild von Lorea in Jeans und Lederjacke, wie sie mit der Pistole an der Hüfte auf ein Motorrad steigt. Im Hintergrund kämpft ein großes Aufgebot an Feuerwehr gegen die Flammen, die aus den Fenstern des Bordells schlagen)

Alsbald wurden auch die Herren aus der Stadt und der verbitterte Bruder Loreas von Lorea und der alten schwarzen Glock zornig angeschrien und mit dem Donnerzepter geschlagen.

Lorea aber kehrte ihrer Heimat den Rücken und zog mit der alten schwarzen Glock in die Welt.

Wo immer nun Frauen und Mädchen bei garstigen Männern liegen müssen oder bei schmutzigen Räubern, können sie sich etwas Hoffnung bewahren. Denn Lorea und die alte schwarze Glock werden eines Tages auch zu ihnen kommen und zornig schreien und jeden mit dem Donnerzepter schlagen, wenn er garstig oder schmutzig Böses getan hat.

Schreibübung 12

Mittwoch

Es ist zum Verzweifeln. Der angekündigte Forscher ausKairo lässt weiterhin auf sich warten und mir läuft die Zeit davon. Aus KNISTER „Abenteuerreise mit Hexe Lilli“, Seite 56

Donnerstag

Es hat sich bewegt. Als ich morgens ins Labor kam lagen die Proben nicht mehr so wie gestern. Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Proben bewegt wurden. Ich war gestern der letzte im Labor und habe sehr sorgfältig alles abgeschlossen. Als ich gegen vier Uhr (Ich konnte einfach nicht schlafen) wieder ins Labor kam, lagen die Finger 58.17c und 58.17d nicht mehr mittig in den Schachteln sondern ganz am Rand. Die Oberfläche an der Fingerspitze erscheint mir viel weniger stumpf zu sein. Fast als wäre der Stein poliert worden.

Auf dem Wasserturm gegenüber habe ich zwei Männer mit Ferngläsern gesehen. Jemima sagt, dass die Siedler hier ein bisschen angespannt sind. Das sei wegen der Anschläge in Za‘atara. Jemima bringt mir nachher eine Luftmatratze und meine Zahnbürste vorbei. Ich bleibe im Labor. Mosches Vater war mit Matzenknödelsuppe und Gemüsepfanne hier. Er wird mir nachher ein paar Flaschen Wasser und Lebensmittel vorbei bringen.

Es ist jetzt 23:30 Uhr. Mosches Vater war bis eben hier. Er heißt Abraham und wir sind jetzt per Du. Wir haben uns über alles mögliche unterhalten und Wein getrunken. Später dann Arak (ערקmit Grapefruit. Ich habe jetzt Trinkwasser und Lebensmittel für mehrere Tage. Auch ein CD-Radio hat er mir mitgebracht. Abraham findet das alte Küchenradio an meinem Schreibtisch sollten wir für die Archäologen der Zukunft irgendwo vergraben. Es gibt schlechte Nachrichten. Der Forscher aus Kairo ist nicht in Tel Aviv angekommen. Dr. Stern ist telefonisch nicht erreichbar, auch seine Sekretärin macht sich große Sorgen. Im Gehen hat mir Abraham mit vielsagendem Blick einen kleinen Aktenkoffer hingestellt. Ich bin immer noch ganz entsetzt, dass ich über den Revolver und die alte Uzi nicht wütend bin. Wer hätte gedacht, dass ich einmal mit einer Pistole unterm Kopfkissen schlafe.

Freitag

Es ist 03:45 Uhr. Trotz des vielen Alkohols bin ich von Kratzgeräuschen wach geworden. Die Finger 58.17a und 58.17d winden sich wie Würmer. Finger 58.17c zuckt ein wenig, gerade soviel, dass man es bei genauem Hinsehen mit bloßem Auge erkennen kann. Auf Berührung mit der Pinzette liegen sie für ca. sieben Sekunden wieder starr und steif bevor sie sich wieder langsam auf die Bewegungsintensität von davor steigern. Ich bin total fasziniert davon, dass sich harter Stein so geschmeidig bewegt. Bei der Ausgrabung erreiche ich niemanden. Abraham, Jemima und Sterns Sekretärin sind ebenfalls nicht zu erreichen. Ich habe etwas wundervolles entdeckt und erreiche niemanden um meine Aufregung zu teilen. Zu allem Überfluss ist der Kaffee nach dieser letzten Kanne aufgebraucht. Vielleicht traue ich mich ja doch einmal in den kleinen Supermarkt der Siedler?

Jetzt ist es 04:30 Uhr. Alle Finger der Steinfigur zappeln regelrecht. Dabei glänzen sie jetzt wie frisch polierter schwarzer Granit. Der Strom ist aus und ich habe kein Handynetz. Das Telefon im Archiv ist auch tot. Die Notbatterie reicht gerade für die Schreibtischlampe und meinen Laptop. Das Notstromaggregat im Keller ist ohne Funktion. Ich verstehe nichts von Motoren und Maschinen, kann also auch nichts reparieren.

09:30 Uhr. Muss eingeschlafen sein. Kaffee kalt. Batterie leer. Laptop-Akku auf 60%. Die Siedlung ist wie ausgestorben. Finger kratzen alle synchron wie Morsecode. Kurz kurz – Pause – langsam zusammenkrümmem kurz kurz kurz wieder langsam – längere Pause – kurz langsam kurz – pause- dann von vorn. Es macht mich Wahnsinnig!

Auf dem Wasserturm stehen jetzt drei Männer mit den breitkrempigen Hüten der Orthodoxen.

14:20 Akku 7%. Jemand donnert mit roher Gewalt gegen die Stahltür zur Straße. Völlig synchron mit den kurzen Zuckungen der Finger.

Ich habe Panik. Ich bin verrückt. Eine über lebensgroße Engelsstatue mit abgebrochenem Flügel und nur einem Bein kämpft sich die viel zu enge Treppe hinauf. Die Finger! Die rechte Hand hat keine Finger! Ich habe aus dem Fenster um Hilfe gebrüllt. Die Männer haben mich mit Gesten und nicken ihrer Hilfe versichert und sich dann Alufolie um die Köpfe gewickelt und ihre Hüte wieder darüber gesetzt. Ich muss ganz schlecht träumen.

Ich wache einfach nicht auf. Akkuanzeige blinkt rot.

Der schwarze Engel ist in der Tür. Draußen

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Heiligabend

Es ist Heiligabend. Die Familie sitzt zum späten Frühstück im Wohnzimmer. Es läuft Die Muppets Weihnachtsgeschichte. Sehr schön und im Moment ruhig.

Heute morgen war hier noch geschäftiges Treiben. Aus Sorge um ihr Weihnachtsfest haben sie heute, gefühlt zum ersten Mal, in hektischem Aktionismus das Wohnzimmer aufgeräumt. Zwei von meinen Süßen haben Brote geschmiert und Obst aufgeschnitten. Wir haben eine Frühstückspause ausgerufen und den Fernseher angemacht. Mein jüngstes Kind macht neben an im Schlafzimmer Blödsinn.

In meinen Gedanken tobt die unruhige Leere. Ich muss ständig an die Familie denken, die ich um meiner seelischen Gesundheit wegen hinter mir gelassen habe. Es tut zu Weihnachten immer noch einmal weh.

Ich denke an meinen Vater, der nie bemerkt hat wie sehr es schmerzt, wenn man dem eigenen Papa nie gut genug ist, wenn man Erwartungen einfach nicht erfüllen kann und wenn man es auch noch so sehr versucht.

An meine Mutter, deren Ratschläge sich auf „Lass Dich nicht so hängen!“, und deren Zuspruch sich auf „Was soll bloß mal aus Dir werden?“ beschränkten.

Ob sie wohl schon viel Alkohol getrunken haben? Was sie wohl über mich und meine Frau so erzählen? Wahrscheinlich bin ich undankbar und meine Frau hat mich unter ihrer Knute und mich verdorben.

Wir werden alkoholfrei feiern, abends etwas gutes essen und uns ehrlich über die von den Kindern gebastelten Geschenke freuen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Wir schmücken vorher zusammen den Baum, den wir dank einer Fügung doch noch für kleines Geld in die Wohnung holen konnten.

Weihnachten ist schon ein seltsames Fest. Wir sind gar keine Christen, denen „heute ein Heiland geboren“ wurde, keine Juden, die sich an das Wunder des zweiten Tempels erinnern oder so. Trotzdem hoffen wir auf alles Liebe für alle und Frieden auf Erden. Gleichzeitig verknoten sich meine Gedärme und ich fürchte mich. Ich weiß nicht wovor.

Ich denke an die schlimmen Dinge, die die Medien in den letzten Tagen und schon das Ganze Jahr beschäftigt halten. An gute Nachrichten kann ich mich erst erinnern wenn ich in meinem trägen Bregen danach suche. Ich sage ja: Seltsam.

Meine Kinder fragen nach dem Weihnachtsmann und den Geschenken. Ich muss hier aufhören, in die Küche gehen, das Fest vorbereiten. Mein Schatz hat Weihnachtsmusik angemacht und meine Kinder machen einen schönen Tee für alle.

Also:

Ich wünsche Frieden, Freude, Besinnlichkeit und Hoffnung zumindest für Heute mal. Allen! Egal ob sie heute im Obdachlosenheim sitzen oder in die Karibik geflogen sind, ob sie die Uniform einer Armee tragen oder einen OP-Kittel, ob sie Geld haben oder Hunger, ob sie in Aleppo in Dreck und Trümmern sitzen oder auf einem Thron. Weihnachten mal einen Moment ruhigen Glücks für alle.

Drei Wale

Drei Wale sind auf meinem Badewannenrand gestrandet. Ein paar Schaumblasen hängen noch an ihnen. Nach dem ein kleiner Mensch mit viel Schaum und guter Laune mit ihnen geplanscht und gespritzt hat, sind sie dann am auf dem Rand liegen geblieben während das schaumige Nass durch den Abfluss dem dunklen Abgrund unserer Kanalisation entgegen strebte.

Jetzt ist es ruhig im Badezimmer. Das Kinderlachen erklingt anderswo und die Wanne ist trocken gefallen. Nur ein paar letzte Blasen ganz unten am Fußende, unglücklich dazu verdammt eine nach der anderen zu zerplatzen erinnern an die lustige Schaumorgie des kleinen Menschen und der drei Wale.

Ein kleiner Mensch kann aus starrem Plastik noch ganze Welten voller Abenteuer und Leben erstehen lassen. Sie fliegen in seinen Händen über Berge und Täler aus weißem Schaum, der mal nach Honig und Zimt duftet und mal nach Mandarine oder Blütenzauber. Ein paar Minuten schafft es der kleine Mensch so, dem matschigen Herbstwetter vor dem Fenster mit einem Hakenschlag aus warmem Seifenwasser und Plastikwalen zu entkommen, um in Fantasiewelten zu schwelgen, in denen es schön und aufregend ist und das Leben wohlig duftet.

Wenn ich jetzt dreckige Wäsche aufsammle und draußen das schmuddelige Berliner Herbstwetter sehe, keimt in mir die Sehnsucht nach Sonnenschein und einer Wiese mit einem Baum unter den ich mich in Ruhe legen kann, um den Vögeln am Himmel zu zu sehen, wie sie in ständig wechselnden Bahnen über das klare Blau des Himmels segeln.

Ist es das gleiche? Ist meine Wiese vor dem Haus in der Sonne auch wie die Welt, in der Wale über weiß glitzernde Schaumgebirge fliegen?

Ich glaube die Antwort ist „ja, aber“. Denn wo der kleine Mensch es noch problemlos schafft komplett in seine Abenteuerträume hinein zu gleiten, wie sein Körper in der Badewanne ganz untertauchen kann, bleibe ich mit den Händen in der Schmutzwäsche oder mit dem Blick am Fenster kleben, ganz so wie mein Körper eben nicht mehr ganz in der Wanne untertauchen kann, sondern nur die Wahl bleibt, ob ich entweder die Beine oder den Kopf mit ins warme Wasser tauche.

Also kann ich zwar auch noch wie ein kleiner Mensch in meine Fantasie abtauchen, aber es bleibt ein Anker in der schmuddeligen Herbstwelt zurück, wie Knie, die aus der Wanne ragen.

Um weiter Bildlich zu sprechen: Meine Fantasie braucht eine größere Wanne um wieder mit Walen fliegen zu können.