Schreibübung 14

Also fragte ich Herb Solows Assistent Morris Chapnick, ob ich eine Klimaanlage bekommen könnte.

(aus Leonard Nimoy „Ich bin Spock“, Seite 118)

Herb war damals mein Auftraggeber, also war ich ihm zu diesem Zeitpunkt noch nie begegnet. Er galt vom Hörensagen als ein zugänglicher und fairer Vertragspartner. Sein Mittelsmann allerdings erschien mir als ein schmieriger, zwielichtiger Charakter. Er war in etwa in meinem Alter, hatte jedoch nie gelernt auf Haltung und sein Auftreten wert zulegen. Vielleicht meinte er auch nur, dass ich, als bisher noch kleines Licht im Geschäft, es nicht wert sei.

Es war heiß. Sehr heiß und entsetzlich stickig. Morris sah sich in meinem Apartment um. In der Küchenzeile, der Bereich des Apartments, den ich nur mit Insektenspray behandelt und dann wegen Berührungsängsten vollständig ignoriert hatte, drehte er den Wasserhahn auf. Ein wackeliges Grummeln ertönte, gefolgt von einem Furzlaut bevor etwa die Menge eine Schnapsglases dünnen Schlamms in das widerlich dreckige Becken kleckerte. Bevor er hektisch wieder abdrehen konnte, begann ein neuerliches Grummeln. Der Geruch seines „Erfolgs“ war irgendwo zwischen rostig miefig und fischig müffelnd. Wir sahen uns stumm mit ausdruckslosen Gesichtern an. Morris drehte sich mit einer energisch wirkenden Bewegung um und marschierte voller Entschlossenheit ins Badezimmer.

Ich muss hier noch einmal deutlicher werden, was den Charakter des Apartments von damals angeht. Das vorher gebrauchte Wort unzumutbar schafft es nicht eine bildliche Vorstellung zu vermitteln. Als ich dieses Apartment für den Auftrag übernommen hatte, glich es der siebenten Niederhölle des toxischen Staubs. In Burma, heute Myanmar, hatte ich schon einen Auftrag erledigt bei dem es nötig gewesen war mich in der Regenzeit unter einer LKW-Plane mit Tarnnetz zu verstecken und selbst dort hatte ich mit mehr Würde kampieren können. In den vier Tagen der Vorbereitung hatte ich das Zimmer mit Bad so gut ich konnte bewohnbar gemacht. Unten im selben Haus war ein typisch amerikanischer Drugstore. Typisch, bis auf die komplett mit stählernen Streckmetallgittern verbarrikadierte und mit Klebeband zusammen gehaltene Fensterfront. Der Laden hatte von außen gar nicht so groß ausgesehen, war allerdings recht geräumig und mit einer erstaunlichen Auswahl aller möglichen Produkte vollgestopft. Nachdem ich praktisch erfahren musste, dass es immer neue Kleinigkeiten sind, die dann doch noch fehlen um mit einem sonst überall als selbstverständlich angesehenen Mindestniveau untergebracht zu sein, lernte ich diesen mir vom Himmel gesandten Drugstore zu schätzen. Ich kaufte dort als erstes ein üppig bemessenes Kontingent an Putzmitteln, Lappen, Gummihandschuhen und dergleichen mehr. Mit einem meiner Unterhemden, das ich mir mit Wäscheklammern vors Gesicht gespannt hatte, putzte ich mit der Entschlossenheit der Verzweiflung den widerlichen Dreck im Badezimmer soweit weg, bis ich mich trauen konnte, mein Gepäck ohne schützenden Müllsack abzustellen. Die gut eingetrockneten Schmutzkrusten entwickelten sobald sie nass wurden ein Aroma, wie ich es nur auf einer Müllhalde südlich von Kalkutta noch einmal wahrnehmen musste. Das Absperrventil habe ich dreimal mit Chlorbleiche einweichen und abwischen müssen, bis ich es wagte es mit bloßen Händen zu öffnen. Nachdem ich das Wasser einen Moment laufen lassen hatte, kaufte ich dann im Drugstore noch alles was zum bereinigen einer Rohrverstopfung nötig war.

Tipp für den interessierten Heimwerker: Den Ausguss eine Weile mit böse aggressivem Rohrfrei einweichen, die nun gelöste Schicht los kratzen und das dann so oft wiederholen, bis das Wasser wieder abfließen kann. Schließlich das Rohr mit einer „Tubebrush“ von innen schrubben, bis man sich einreden kann, dass das Rohr jetzt einiger Maßen ausreichend „sauber“ wäre.

Ich hätte ja einfach das Rohr unter dem Becken abgeschraubt, aber einer der früheren Bewohner hatte ein Blech darüber GESCHWEISST und mit dem zähsten Klebeband dieses Universums dick eingepackt. Das Wasser, mit dem ich schließlich aus der Leitung belohnt wurde, war bestimmt nicht für den Verzehr geeignet aber immerhin fast klar, fast kühl und roch wenigstens nicht mehr.

Das Zimmer hatte ich zweimal Grund gereinigt und dann von meinen großzügig aufgetragenen Putzmittelresten befreit, bis ich bereit war es zu nutzen. Die Matratze stand mit der inzwischen ebenfalls ersetzten Toilettenbrille draußen vor dem Haus, wo alle ihre alten Möbel hinstellten. Ich habe später dass Prinzip des örtlich etablierten Sperrmüllsystems gelernt. Jeder stellte irgend etwas dazu, bis ausreichend Masse zu einem akkuratem Haufen aufeinander geschichtet war. Dieser Haufen wurde dann von irgendjemandem in Brand gesteckt und von der Feuerwehr gelöscht und abgefahren. Der Haufen von Sperrmüll wurde bereits am nächsten Tag von neuem aufgeschichtet, und wuchs, von der Nachbarschaft wohl genährt, bald wieder zu der Masse heran, die irgend jemandem als ausreichend für das nächste Sperrmüllfeuer erachtete. Ich habe in meiner Zeit dort allerdings auch nie einen Müllwagen oder ähnliches in der Straße bemerkt. Wahrscheinlich trauten sich die öffentlichen Dienstleister nicht in dieses Viertel. Sie konnten als städtischer Auftragnehmer ja auch kaum regelmäßig den ortsüblichen Monatsbeitrag an die „Evil-Viper-Gang“ entrichten. Wie die Container für den Haushaltsmüll vor dem Haus geleert wurden, bleibt mir bis heute unerklärlich.

Ich schlief in meinem Apartment nun immerhin im Bett. Zwar auf einer Pressspanplatte (vom Sperrmüllhaufen, sorgsam erst mit Chlorbleiche und dann Allzweckreiniger geschrubbt und letztendlich doch noch in Plastiksäcken verpackt), auf einer Unterlage aus Isomatten und einer Luftmatratze, in meinem neu erstandenem Schlafsack, aber eben nicht auf dem ekligen Fußboden. Den Fußbodenbelag hatte ich nach der Grundreinigung und der Behandlung mit einigen Insektengiften mit Malerfolie abgedeckt und dort wo ich öfter entlang gehen musste, mit grässlich bunten Duschvorlegern aus dem Drugstore belegt.

Ich war mir im Klaren, dass das bloße Abdecken den Schädlingen dort nicht lange standhalten würde, konnte mir aber einreden, dass das erst einmal ausreichen würde.

In meiner Branche bin ich es gewohnt und bereit Abstriche zu machen. Ich erwarte weder Komfort noch Bequemlichkeiten. Ein Mindestmaß an Respekt mir und meiner Dienstleistung gegenüber muss jedoch zu erkennen sein.

Ich habe seit dem bei keinem Auftrag je wieder so gravierende Abstriche machen müssen.

Ich achte aber seit dem auch darauf nur Aufträge anzunehmen, in denen eine „ausreichend hygienische“ Operationsbasis, soweit möglich, vereinbart ist.

Morris schien seinerzeit der Zustand meiner Basis nicht zu wundern, oder er war ein guter Schauspieler und wollte den Eindruck erwecken, dass das alle so machten. Jedenfalls öffnete er den Wasserhahn im inzwischen einigermaßen brauchbarem Bad, betrachtete die „luxuriöse“ Wasserversorgung und bot mir an, dass er mir ein paar Stofftücher bringen lassen würde, die ich mir mit Wasser gekühlt auf den Kopf legen sollte.

Ich hatte mir so etwas nach dem ersten Eindruck von ihm bereits gedacht, wenn ich auch im Traum nicht mit dieser Dreistigkeit hatte rechnen können. Die ganze Klimaanlagen-Geschichte war ohnehin nur als letzter Test gedacht, ob mein Auftraggeber überhaupt in irgendeiner Weise und grundsätzlich bereit war, mir Respekt entgegen zubringen. Ich überreichte Morris eine vorbereitete schriftliche Nachricht an seinen Boss. Das kurze Schreiben war ein einfach gefalteter Briefbogen, unkuvertiert.

Wie erwartet las er sofort die unverschlossene Nachricht an seinen Boss.

„Geehrter Auftraggeber,

die hier vorgefundenen Arbeitsbedingungen sind auch bei den lokal gegebenen Zuständen in jeder Hinsicht inakzeptabel. Ich erlaube mir von der geleisteten Anzahlung die angefallenen Kosten mit einem pauschalen Betrag von $550,00 einzubehalten. Die Summe setzt sich aus den ungefähren Kosten wie folgt zusammen.

Einige Lebensmittel: $100,00

Putzmittel, Desinfektionsmittel, Klempnerbedarf, Insektenvernichtungsmittel: $250,00

Behelfsmäßiges Schlafarrangement: $100,00

Ersatz der unbrauchbaren sanitären Einrichtung: $100.00

Meine aufgewendete Zeit und Reisekosten stelle ich Ihnen nicht in Rechnung, da der Auftrag von mir unerledigt bleibt.

Bitte klären Sie mit meinem Büro, wie mit der Rückgabe Ihrer $499.450,00 zu verfahren ist.

Sie erreichen mich ggf. noch bis 21:00 Uhr einmalig unter der angegebenen Nummer.

Bitte verzichten Sie zukünftig darauf mit uns in Kontakt zu treten.

Ihr Auftragnehmer“

Natürlich handelte es sich bei den $550,00 um einen symbolischen Betrag, der weder mir noch Herb der Erwähnung wert gewesen wäre. Es war ein Schlag ins Gesicht des Auftraggebers. Einen solchen Makel seiner Reputation kann sich in unseren Kreisen niemand leisten. Hätte ich einfach geschrieben, dass ich die Anzahlung wegen der erfahrenen Demütigung einbehalte, wäre es die klare Nachricht gewesen, dass die Angelegenheit damit beendet ist und wir uns fürderhin nicht mehr auf freundlicher Basis begegnen würden. Unschön, aber zu verschmerzen. So aber war die Nachricht ein deutlicher Hinweis auf das mangelnde Niveau, hier des Assistenten und drückte meine Erwartung aus, bei einem Angebot mit angemessenem Entgegenkommen weiter zur Verfügung zu stehen.

Auch Morris verstand das. Die Angst ließ jede Farbe aus seinem Gesicht weichen. Er begann zu stammeln, dass man doch über alles noch hätte reden können und dass er sofort ein angemessenes Quartier für mich besorgen wolle. Ich zeigte ihm die kalte Schulter und begann meine Hardware in meine Reisetasche zu sortieren. Morris flehte mich auf Knien rutschend an, dass ich das nicht machen könne. Er hatte korrekt begriffen, dass dieses Stück Papier sein Leben beenden würde. Im wörtlichen Sinne oder, mit viel Glück und noch mehr Wohlwollen seiten Herbs, zumindest in der Geschäftswelt.

Ich ließ ihm jedoch keine Wahl. Die Nachricht nicht abzugeben würde die Situation für ihn noch viel dramatischer gestalten und das wusste er auch.

Morris ist später noch ein paar Jahre ein kleiner Dienstleister für die lokale Gesellschaft gewesen. Womit er sich diese Gnade verdient hatte, kann ich nicht ermessen. Gutes gab es auch in seinem neuen Betätigungsfeld nicht über ihn zu berichten. Ich habe vor einiger Zeit gehört, er sei in der Abwasserkanalisation unglücklich gestürzt und ertrunken. Gewundert hat mich nur, dass er einen solch tragischen Unfall bis dahin aufschieben konnte.

Jedenfalls war dann keine Stunde mehr vergangen, bevor ich von einem sehr attraktiven jungen Mann aus dem Apartment abgeholt wurde. Er überreichte mir einen Brief und einen Geschenkkorb. Der Brief bat sehr respektvoll um Entschuldigung für die erfahrene Behandlung. Im Geschenkkorb fand sich neben feinem Gebäck, Pralinen und einer Flasche spanischen Rioja, wie ich ihn nie wieder kosten durfte, auch noch ein Stück Hardware aus Herbs persönlicher Sammlung. Herb garantierte mir damals dann das doppelte Honorar und brachte mich bis zur nächsten Gelegenheit für den Auftrag zusammen mit dem wirklich sehr attraktiven und sehr zuvorkommenden jungen Mann in einem seiner Anwesen unter.

Herb und ich sind inzwischen nicht mehr Auftraggeber und -nehmer. Wir lachen manchmal noch beim Golf oder bei einem guten Glas Wein über den Beginn unserer Zusammenarbeit.

Demokratie, wir müssen mal reden

„Wir müssen mal reden.“ So eröffne ich manchmal Gespräche mit Menschen, bei denen irgendwas schief hängt, oder bei denen irgendein Umstand unsere Beziehung belastet.

Demokratie, wir müssen mal reden.

Gegen Ende dieser Sommerferien war ich mit vieren meiner Kinder und der Gruppe der Schule auf Kreta. Dort fand die diesjährige EUDEC statt. Es war toll! (Danke an alle in der DSX, Berlin, die mir das ermöglicht haben. DANKE!) So viele Menschen, die alle zumindest eine ganz ähnliche Einstellung zu Schule, Kindern und Erziehung haben. Das war sehr erholsam. Im allgemeinen bin ich in Gesprächen über diesen Themenkreis der Freak, der das „alt bewährte“ in Frage stellt. Vor ein paar Jahren sagte ein Vater im Kindergarten meiner Kinder einmal „Wenn das etwas reelles wäre, hätte es sich ja durchgesetzt.“ Nach den extrem wertvollen Gesprächen mit Menschen aus ganz Europa, Taiwan, Kanada und Kolumbien kann ich ganz beruhigt sagen, dass sich diese Idee ganz allmählich weiter entwickelt und immer mehr durchsetzt.

Die Demokratie im „kleinen Kreis“ also in diesem Fall in einer Schule, funktioniert viel besser als ich mir das früher vorgestellt habe. Jeder hat eine Stimme. Jeder kann, keiner muss.

Und während ich dort zufrieden miterleben kann, wie aus meinen Kindern immer noch stärkere Menschen werden, die das Prinzip Demokratie begreifen und leben, Menschen die Ideen ausarbeiten und zur Abstimmung bringen und auch damit Leben können, wenn sie keine Mehrheit finden, erlebe ich die Demokratie in unserem Land ganz anders.

Ich bringe hier mal ein Beispiel: Irgendwo im Hinterkopf fast aller vernunftbegabten Menschen gibt es die Einsicht, dass wir unserer Erde mit den aktuell immer noch steigenden Mengen an Verbrennungsmotoren schaden. So weit so gut. Ein Blick auf die große Straße, die keine hundert Meter an unserer Wohnung vorbei führt, weckt bei mir eine Sehnsucht. Wenn all die Menschen, die da für sich alleine in einem Auto fahren, weil es bequemer ist, den einen oder anderen Weg schnell mit dem Auto zu erledigen, das einfach einmal nicht tun würden…

Ich behaupte, dass ein verdammt großer Anteil dieser Fahrten mit dem Fahrrad, zu Fuß oder auch gar nicht zu erledigen wären. Es geht um Bequemlichkeit, Zeitersparnis und Status. Die Fahrten, die tatsächlich nötig sind, könnten wir wahrscheinlich mit einem besser ausgebauten ÖPNV erledigen. Auf den Straßen blieben die übrig, die beruflich unterwegs sind und die wenigen Menschen, die wirklich begründet mit einem Auto von A nach B gelangen müssen.

Als eine tolle Möglichkeit das besser zu machen, wurde uns das Car-sharing verkauft. Das ging allerdings voll nach hinten los. Menschen, die früher mit dem Bus, Rad oder gar nicht gefahren sind, sind jetzt mal eben kurz mit dem Auto unterwegs. Dadurch wurden es also mehr Autos auf der Straße, da es ja so viel billiger ist ein Auto zu nutzen ohne erst eines kaufen zu müssen.

Nun stellt Euch doch mal auf eine große Straße, und macht folgendes Gedankenexperiment: Zuerst betrachtet wie viel Platz dort den Fußgängern eingeräumt wird. Dann überlegt, wer bei den Ampelschaltungen bevorzugt wird. Denkt zuletzt noch kurz an die Situation der Radfahrer. Jetzt zum Clou dieser Betrachtung: Überlegt einmal was los wäre, wenn man den Autoverkehr, also die Autofahrer so einschränken würde, wie es mit allen anderen zugunsten der überdimensionierten Blechmonstren ganz „normal“ ist. Ampelschaltungen, die Fußgänger flüssiger voran kommen lassen? Fahrradwege, auf denen wirklich nur Fahrräder unterwegs sind und sich niemand sonst traut „mal eben schnell“ zu parken oder die auf ein absurdes Maß eingeschränkt werden, damit für Autos genug Platz ist? Eine extra Parkspur für Kinderwagen und Fahrräder?

Undenkbar!

In der Schule habe ich einmal gelernt, dass die freien Bürger des alten Rom überlegt haben, ob sie die Sklaven in der Stadt nicht sichtbar als solche kennzeichnen sollten. So wüsste man immer gleich, mit wem man es gerade zu tun hat. Der Gedanke wurde verworfen. Die Sklaven sollten besser nicht realisieren, welch großen Anteil sie an der Bevölkerung haben.

Wie viele Menschen sind denn in unseren Straßen heute nicht als Einzelperson im Auto unterwegs? Wie viele Kinder hätten einen sichereren Weg zu Kindergärten und Schulen? Wie viele Flächen könnten grün sein, wenn dort nicht mehr so viele Autos stehen „müssen“?

Oder anders herum: Sind es so viele Menschen, die wirklich immer schnellere Autos benötigen, die um der Sicherheit willen immer mehr an Panzer erinnern und deswegen immer größere Motoren benötigen um das immer noch größere Gewicht zu beschleunigen? Wiegt die Sicherheit und Geschwindigkeit der Autofahrer tatsächlich die ständige Gefahr für Fußgänger auf?

Es vergehen kaum einmal zwei Wochen ohne die Schagzeile, dass wieder ein Radfahrer, oft minderjährig, von einem rechts abbiegenden Fahrzeug getötet wurde. Kinder sollen lieber keinen Löwenzahn mehr für ihre Kaninchen/Meerschweinchen/Hamster pflücken, da der durch den Autoverkehr zu belastet, also gesundheitsschädlich ist.

Wollen wir dass so? Ehrlich? Warum ist dann so, und was hat das mit Demokratie zu tun?

Es ist ganz normal und legal, dass ein Konzern wie die Daimler AG den etablierten Parteien regelmäßig große Summen spendet und Menschen nach ihrer Zeit in der Politik/Regierung zu eben diesen Konzernen wechseln. (Siehe z.B den Wechsel von Herrn von Kaedenz aus dem Kanzleramt zu Daimler und den Artikel über Großspenden bei Spiegelonline vom 26.12.2017)

Mancher wird jetzt sagen, dass der Kapitalismus eben so ist.

Wollen wir, dass das so ist? Wollen wir, dass Abgeordnete nicht nach ihrem Gewissen, sondern nach den Quellen ihrer Gelder abstimmen? Ist das unsere Demokratie und die freiheitlich demokratische Grundordnung? Sollen die, die keine Gelder spenden wollen oder können auch nicht wirklich in unserer Demokratie berücksichtigt werden? Sollen die schlechter gestellten Menschen hier sich weiter sehr preiswert das Hirn in billigen Fusel einlegen, weil das gut für den Umsatz der Alkoholproduzenten ist? Muss es weiterhin ganz einfach sein, sich in die Abhängigkeit von Tabakprodukten zu ergeben, aber sehr schwierig, für Oma eine Pflegekraft zu bezahlen? Ist es gut und richtig, dass die 10% von uns Menschen hier, die am meisten besitzen, mehr Geld zur Verfügung haben als die restlichen 90%? Und sollen eben diese 10% auch entscheiden, was für uns alle am besten ist?

Willst Du so weitermachen, liebe Demokratie?

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin von der Demokratie als solche überzeugt. Ich glaube fest daran, dass die Demokratie das System der Wahl ist. (unabsichtlicher Wortwitz!) Nur bin ich eben auch davon überzeugt, dass unsere Demokratie hier in unserer Republik und auch anderswo erkrankt ist. Unsere Demokratie ist irgendwo falsch abgebogen. Solange wir aber nicht bemerken, dass wir (die Regierten) viel mehr sind als die (die Regierenden), solange wir das mit uns machen lassen, wird sich nichts ändern.

Nein, eine extreme Partei zu wählen, um es „Denen“ mal zu zeigen, ist keine kluge Entscheidung. Eine Revolution möchte ich ebenso wenig als probates Mittel bezeichnen.

Mein Fazit: So kann es nicht weiter gehen.

Ich bin leider nicht klug genug, um eine Lösung aufzuzeigen. Deswegen, liebe Demokratie, müssen wir reden. Es gibt ein paar Dinge, die sich ändern müssen, damit unser System ein gerechteres wird. Es ist nicht gut, dass Du, liebe Demokratie, die Bedürfnisse der „einfachen“ Wähler hinter die Interessengruppen mit dem Kapital stellst. Es ist nicht gut, dass Regierunsmitarbeiter und Politiker, die für die Minderheiten mit dem Geld arbeiten, sich später in das von eben diesen Minderheiten gemachte Bett legen können, während die Massen in dem Glauben gelassen werden, dass sie die Minderheit sind.

Ich hoffe, unsere Kinder können diese Missstände einmal beheben und in einer besseren Demokratie leben. Ich hoffe, dass demokratische Schulen unter anderem genau das für unsere Zukunft bewirken.

Schrei nach Gerechtigkeit

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Tötung gelesen. Ein jugendlicher Mann hat eine ungefär gleichaltrige Frau erstochen. Beide waren noch minderjährig.

Gelesen habe ich jedoch nichts davon, wie es jetzt den Familien geht, oder die Frage nach den Umständen, wie es zu der Tötung kam. Die Menschen, die sich im Netz darüber ausließen, wollten nur wissen, ob der Täter ein Ausländer war („Danke Frau Merkel, dass Du uns den Täter aus Afrika hier hergeholt hast.“), und ob die Strafe für Totschlag denn hoch genug ist („Bei Totschlag ist der doch mit 20 schon wieder draußen und kann die nächste abstechen.“).

Seit dem wälze ich die Gedanken daran immer wieder hin und her.

Warum ist es wichtig, wo der Täter her kommt?

Der Populismus unserer Tage unterstützt und fordert ein Denken in den Kategorien „Wir“ und „Die“. Die Unterstützer dieser Polarisierung sind „Wir“ also „Wir Deutschen“ oder „Wir hellhäutige Westeuropäer“. Jeder, der von „Denen“ „hier bei uns“ eine Straftat begeht, soll gefälligst wieder zurück „dahin, wo er hergekommen ist“. Wenn also ein Mensch mit dunkler Haut etwas Sträfliches tut, soll er gleich wieder in das Land, in dem seine Oma mal gelebt hat.

Dazu muss man wissen, dass es für „Uns“ reicht, dass jemand in der Liste seiner näheren Vorfahren jemanden hat, der nicht zu „Uns“ hellhäutigen Westeuropäern gehört, damit er nicht mehr in die Kategorie „von hier“ also zu „Uns“passt.

Das macht Straftaten, die zwischen zwei Parteien von „Uns“ geschehen sozusagen zu einer internen Angelegenheit. Im Gegensatz dazu stehen die Straftaten, die einer von „Denen“ verübt. Das sind unzumutbare Verbrechen, da es nie geschehen wäre, wenn „Die“ da geblieben wären, „wo sie herkommen“.

Einen Sonderfall stellen Straftaten da, die einer von „Uns“ gegen einen von „Denen“ verübt. Diese Fälle sind im eigentlichen Sinne nie eine wirkliche Straftat, denn im Grunde müssen „Wir“ uns ja mal richtig gegen „Die“ verteidigen und „Die“ hätten ja einfach mal da bleiben sollen, wo „Die hingehören“.

Ich möchte mich hier übrigens spätestens jetzt deutlich von „Uns“ distanzieren.

Zurück zum Beispiel vom Anfang:

Ist also der junge Mann ein Mensch, der dunkler pigmentiert ist, als der durchschnittliche Westeuropäer oder sprechen seine Großeltern muttersprachlich etwa arabisch oder türkisch, ist er für „Uns“ klar einer von „Denen“. Ist jetzt noch die junge Frau eine von „Uns“, dann ist die Tat, unabhängig von allen anderen Umständen ein Angriff auf „Uns alle“ und kann gar nicht drakonisch genug bestraft werden. Am besten gleich alle von „Denen“ mit abstrafen, denn „Die“ haben das so verdient, spätestens seit sie hier bei „Uns“ sind.

Ist die Junge Frau eine von „Denen“ interessiert es „Uns“ schon nicht mehr so sehr. Denn entweder war das ja eh eine Schlampe, weil von „Denen“ und „Die“ machen das „unter sich“ eben so, oder der Täter war einer von „Uns“ dann sollte man ihn vielleicht mit dem ausgestrecktem Zeigefinger ermahnen und dann aber wenn die Kameras weg sind, auf die Schulter klopfen. Denn schließlich sind „Wir“ wieder eine von „Denen“ losgeworden.

Aber selbst jenseits dieser geistig armen Auswüchse der besorgten Heimatverteidiger ist der Ruf nach harten Strafen laut. Warum? In dem Alter, in dem das erste Mal die Hormone in den Adern eines Jungen Menschen hoch kochen, macht er einen schweren Fehler. Warum ist es dann wichtig zu bestrafen? Wem hilft das noch?

Natürlich wäre es gänzlich falsch, die Sache ohne Konsequenzen auf sich beruhen zu lassen. Aber wo kommt dieses Verlangen nach Strafe her?

Irgendwann wurde beim Volk Israel das Prinzip „Auge um Auge“ eingeführt. Und bevor sich jetzt alle dem Gedanken ergeben, dass das ja wohl auch gerecht ist, sollten wir diese Entwicklung mal genauer beleuchten.

Dieses Prinzip sollte nicht dazu führen, dass endlich der, der einem anderen ein Auge zerstört hat auch ein Auge verliert. Es sollte dazu führen, dass der, der einem anderen ein Auge zerstört hat bitteschön nicht mehr passiert, als dass ihm auch ein Auge genommen wird. Es führte eine verhältnismäßige Höchststrafe ein. Wenn mir also der Klaus mit dem Stock ein Auge aussticht, soll nicht gleich meine ganze Familie auf die von Klaus losgehen, seine Schwestern vergewaltigen, sein Vieh abschlachten und den Hof nieder brennen. Als aller höchste Strafe ist es sein Auge das ich fordern kann, wenn es keine andere Einigung gibt.

Das galt übrigens auch nur, wenn ich und der Klaus freie Männer sind. Kinder, Frauen und unfreie Menschen hatten diese Regelung des gedeckelten Höchstmaßes nicht, und wurden meist über Geld oder ähnliche Wiedergutmachung geregelt, die dann allerdings der Ehemann, Besitzer oder Vater bekam.

Es war ein Novum im Rechtssystem, das übrigens von anderen Völkern übernommen wurde (z.B. die Perser hatten dieses Prinzip schon lange vorher in ihre Rechtsprechung übernommen) um Blutfehden und Sippenkriege durch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu begrenzen. Wie wir heute wissen bis dato mit mäßigem Erfolg, siehe oben.

Einige Tausend Jahre später schreien wir Menschen aber immer noch nach Vergeltung, Rache und Strafen.

Wenn ein Kind etwas böses tut, also z. B. heimlich Pudding aus der Küche in Mamas Bett schmuggelt und dort kleckert, geht es hinterher meistens um Vergeltung. Das Kind darf beispielsweise zur Strafe einige Zeit nicht fernsehen.

Meine Frage dazu: Wem ist damit geholfen? Was lernt das Kind daraus? Wenn ich mich erwischen lasse, darf ich die Sesamstraße nicht sehen? Oder zurück zu den Jugendlichen Menschen weiter oben: Was bringt denn der Gefängnisaufenthalt?

Da geht es um das unbestimmte Bauchgefühl „Dem haben wir es jetzt aber gegeben!“ oder „Der überlegt es sich in Zukunft zweimal, ob er Pudding…“ Oh, Entschuldigung! „… ob er mit dem Messer auf jemanden los geht!“ Warum haben wir das Gefühl: „Das muss bestraft werden!“?

Statistiken, Studien und Gutachten belegen seit sehr langer Zeit, dass härtere Strafen in keinem Zusammenhang mit der Anzahl der verübten Straftaten stehen. Auch wenn man jedem gefassten Mörder das Lebenslicht ausbläst, senkt das nicht die Anzahl der weiterhin verübten Morde. Nebenbei hat auch kein einziger der Ermordeten jemals zu Protokoll gegeben, dass es ihm Erleichterung verschafft, wenn nach seinem Tod noch ein Mensch stirbt.

Was lernt der Junge Mensch also aus seinem Gefängnisaufenthalt nach der Tat? Er lernt, dass es mies ist, sich erwischen zu lassen. Er lernt von seinen Mitinsassen wie man mit einem Kochtopf und etwas Backpulver den Verkaufswert von Heroin steigert. Wie man illegale Waffen vor der Polizei versteckt, ssssspuren verwischt und dass er blöd war sich so einfach erwischen zu lassen.

Er ist also wenn er aus der Haft entlassen wird geläutert? Ein besserer Mensch?

Also noch einmal die Frage: Warum schreien wir nach einer Tat nach Vergeltung oder Rache? Tun wir nicht, wir nennen es Gerechtigkeit, aber das ist Schönfärberei.

Die eingangs beschriebenen Menschen, wollen die harten Strafen für „die Anderen“, um sie aus dem Revier zu graulen. O.K., drakonische Strafen um die eigene Gruppe von den bedrohlichen Fremden abzugrenzen. Strunzdumm, aber nachvollziehbar.

Aber auch die, die keine rassistischen Motive haben, sind unbefriedigt, wenn der Täter nur therapiert und nicht hart bestraft wird. Warum?

Ich fürchte, da werden wir, und jetzt meine uns als Menschen und nicht „Uns“ im Gegensatz zu „Denen“, noch viel an unserem Rechtsempfinden arbeiten müssen, bis es auch gefühlsmäßig nicht mehr um das Abstrafen geht, wenn wir Gerechtigkeit fordern.

Urban Fanatasy

„Welche von den Tassen gehören Dir?“

Ich glaube das alles nicht.

Der Kaffee hilft ein bisschen.

Der Typ in der Nieten-Lederjacke kramt in unserem Geschirr.

„Ist egal. Nimm Dir irgendeine.“ Macht er sich wirklich gerade Sorgen, die falsche Tasse zu benutzen? Vor nicht einmal einer dreiviertel Stunde hat er meinem Flirt ein Essstäbchen durch das Auge ins Hirn getrieben. O.K. die Süße hatte auch gerade versucht mich mit so einer Art Tintenfischarm heimlich zu erwürgen…

Ich weiß gerade gar nicht, was hier abgeht. Wer ist der Typ eigentlich?

„Ich heiße Borke.“

Na prima! Jetzt liest der auch noch meine Gedanken!

„Nur die ganz oberflächlichen und auch nur wenn Du so wirr im Kopf bist, wie jetzt.“

„Ehrlich?“

„Nein, war‘n Witz“ Er hält eine alte abstoßend hässliche Blümchen-Tasse mit Goldbesatz in der Hand. Ich glaube, die war hier schon hier, bevor ich in die WG einzog.

„Na prima, dann wird die gehen.“

Seinen Kaffee hat er in einer Tasse mit dem Logo einer Baumarktkette. Die Blümchen-Tasse stellt er zwischen uns auf den Tisch. Aus seinem speckigen Rucksack zieht er eine Flasche „Dungersbacher Edelkorn“ und gießt erst mir und dann sich selbst einen guten Schluck in den Kaffee.

Eigentlich trinke ich höchstens mal Rotwein oder ein Bier.

Borke lächelt. Er hat Piercings in der Lippe, in den Augenbrauen und der Nase. Der Schädel ist bis auf einen recht kurz geschorenen Iro rasiert und bis in den Kragen herunter mit Käfern, Spinnen und Skorpionen tätowiert. Die Hände wirken irgendwie alt und geschwollen.

Was ist eigentlich gerade passiert? Es fühlt sich wie ein schlechter Film an.

„Ja, das ist erst mal schwer zu schlucken. Die Alte erklärt Dir das gleich.“ Borke grinst. Ihm fehlen ein paar Schneidezähne. „Trink den Kaffee, sonst klappst Du mir ab, wenn sie hier ankommt.“

Ich trinke einen Schluck aus meiner Tasse. Der Kaffee schmeckt nach Schokolade und Zimt. Ich erinnere mich an meine Oma. In Ihrer Küche roch es so, wenn wir sonntags zum Kuchen zu ihr kamen.

„Was hast Du in den Kaffee getan?“

Es antwortet eine alte Frauenstimme. „Jedenfalls keinen Schnaps.“

Da steht eine alte dicke Frau mit Kopftuch am Küchenfenster. Sie sieht aus wie eine dieser kleinen gebeugten Türkinnen im Nahost-Supermarkt. Zerknitterte dunkle Haut, Kopftuch und ein braunes Kleid-Mantel-Kutten-Ding herunter bis zu den Knöcheln.

Borke zieht ihr einen Stuhl zurecht und die Alte setzt sich.

Mir schmeckt der Kaffee und ich fühle mich prima. Ja, das Mädchen, das ich nach dem Konzert noch auf eine Portion Nudeln beim Thai eingeladen habe, hatte irgendwie dann Fingernägel, die die Länge der Stäbchen erreichten, grau und verhornt und auf ihrer Stirn schimmerten silbrige Schriftzeichen, als ein dünner Tintenfischarm unter meinem T-Shirt hindurch versuchte, mich zu erwürgen. Aber Borke hatte das ja geregelt. Er hat ihr einen gelb-roten Papierstreifen auf den Rücken geklebt und ihr eins von den Stäbchen bis zum Anschlag ins Auge gedrückt. Dann hat er mein Portemonnaie aus ihrer Jacke gezogen und wir sind zu mir gegangen.

Die beiden sehen mich mit großen Augen an. Ist mir gerade egal.

Borke nickt langsam.

Die alte betrachtet die hässliche Blümchentasse. „Ich weiß nicht ob die Tasse genug Erfahrung hat.“

Borke öffnet noch einmal den Hängeschrank und blickt auf das Geschirr. „Hier ist nichts, das auch nur annähernd eine brauchbare Aura entwickelt hat. Die wird reichen müssen.“

„Na gut.“ Die Alte nimmt mir die leere Kaffeetasse aus den Händen. Sie hat unglaubliche Augen. Sie stellt die häßliche Goldrandtasse vor meiner Nase auf den Tisch. Es ist, als würde mich ein weit entfernter Stern durch ein Teleskop aus Bernstein anleuchten. Es legt sich ein Rauschen und Murmeln über meine Ohren. Ich habe das Gefühl gleichzeitig sehr massiv und schwer und schwerelos schwebend zu sein. Fühlt sich toll an. Dann zieht ein Schleier oder Vorhang zwischen mich und die Erlebnisse beim Thai-Imbiss. Die Aufregung wird durch sanfte Ruhe ersetzt.

STOPP! Das sind MEINE Erinnerungen!

Der Schleier zerpufft zu schoko-zimtigen Nebel. Ich stehe in der Küche meiner Oma. Sie hat Kuchen gebacken.

Nein, das ist nicht echt! In der Küchentür schließt sich ein Vorhang oder eher schon eine Wand aus Schwärze. Ich stehe bei Oma in der Küche und hinter meiner Großmutter, hinter der schwarz verhängten Küchentür ist etwas anderes. Etwas gar nicht ruhiges. Grüne Currysoße mit Kokos und Chili. Eine Begegnung mit etwas großem, das sich im Schutz des schwarzen Vorhangs von mir zurück zieht und sich auflösen will.

Das ist nicht meine Oma! Sie trägt ein orientalisches Kopftuch und hat dunkle zerknitterte Haut. WEG DA! Ich schiebe die Alte beiseite und zerreiße die schwarze Wand.

Da ist meine neue Bekanntschaft. Sie sieht wirklich gut aus und lächelt mich immer wieder verspielt und verführerisch an. Sie hat unter der Haut eine fremde Schrift. Auf der Stirn und den Unterarmen. Diese Schrift zieht mich in ihren Bann. Ein ungegebenes Versprechen, erotisch lockend, verborgen in der unsichtbaren Schrift die ich noch gar nicht gesehen habe.

Da ist Borke. Er hat eine Tasse mit heißem Kaffee, in die er einen guten Schluck „Oggersheimer Schlehenbrand“ gießt. Ich fühle mich wieder ganz ruhig. Ich rieche Zimt, Kaffee und Schokolade und der Dampf aus der Tasse ist warm und entspannend. Als würde ich in ein großes weiches Federbett sinken, das zugleich frisch und kühl auf der Haut ist und doch warm und…

JETZT REICHT‘S! Ich trete mit aller Kraft durch die schwarze Mauer und Borke die Tasse aus der Hand. Etwas rumpelt laut und ich höre Holz krachen und Geschirr brechen.

Sie sagte ihr Name sei Yasmin und Borke hat sie mit einem Stück gelben Papier auf dem Rücken erst verlangsamt und dann ein Essstäbchen aus ihren Nudeln genommen und es ihr blitzschnell durchs Auge in den Schädel gedrückt. Dabei habe ich die Silberschrift gesehen und die verfaulten Zähne in ihrem grotesk verzogenem Maul. Die Schrift zerfloss zu Rauch und Yasmin zerfiel zu grauem Sand, der im Boden versickerte.

DAS SIND MEINE ERINNERUNGEN! FINGER WEG!

Ich stehe wieder in der Küche der WG. Die Alte ist mit ihrem Stuhl nach hinten umgefallen. Der Küchentisch ist zertrümmert und Borke liegt mit blutig verquollenem Gesicht unter den Resten unseres ehemaligen Hängeschranks auf dem umgefallenen Küchenschränkchen zwischen Scherben und Besteck. Das Spülbecken liegt verbeult am Boden und von dort, wo unsere Spülarmatur an der Wand war, schießt eine Fontäne kalten Wassers bis ans Küchenfenster auf der anderen Seite.

Die Alte steht auf, als wäre sie nur eben über die Katze gestolpert. „Dann werden wir ihn wohl ausbilden müssen.“

Borke erhebt sich unter Stöhnen. Seine Lippe ist aufgeplatzt und dick und seine Nase gebrochen. Ihm läuft das Blut in einem dunkelrotem Rinnsal aus dem Gesicht, bevor es sich mit dem Wasser aus der Wand zu einem zartem Rosa auf dem Küchenhandtuch verwischt, dass er sich aufs Gesicht drückt. Er murmelt etwas schimpfend in das nasse Tuch. Aus der Tasche seiner Lederjacke holt er einen rot-gelben Papierstreifen hervor und schlägt ihn mit der flachen Hand außen gegen das Handtuch vor seinem Gesicht. Unter dem Tuch glüht für einen Moment ein warmes Licht, wie von einer Kerze.

Lorea und die Schwarze Glock

Seit kurzer Zeit bin ich bei Schreibnacht angemeldet. Dort gibt es in unter der Rubrik Schreibhandwerk alle zwei Monate eine kleine Aufgabe, an der die aktiven Schreiberlinge ihre Arbeiten gegenseitig durch konstruktive Kritik verbessern. Eine tolle Sache!

Nun sind aber Schreibnacht auch Schreiber unterwegs, die die Volljährigkeit noch nicht erreicht haben. Anstößiges, Brutales oder sexuell zu Eindeutiges kann dort also nicht veröffentlicht werden.

Die aktuelle [Aufgabe 16] ist „Märchen“. Nachdem ja Hauptkommissar Zwerg schon eher locker auf diesem Gelände unterwegs war, habe ich dieses Mal doch eher eine härtete Gangart gewählt.

Aus meiner Feder sind keine präsentablen Bilder auf das Papier zu kriegen, habe ich die Illustrationen aus dem Inneren meines Schädels in Prosa eingefügt. Wer sich berufen fühlt Illustrationen zu erstellen, darf sie mir gerne unverbindlich zusenden.

Also hier mein Märchen von Lorea und der schwarzen Glock. Der Text ist ab 18!

 

[Aufgabe 16] Mai und Juni 2017: Märchen.

Es war einmal, vor gar nicht all zu langer Zeit, da lebte eine arme junge Frau, die hieß Lorea. Sie lebte mit Ihrem Bruder zusammen in einer ärmlichen Hütte am Rande der Stadt. Der Vater der beiden war unlängst gestorben, denn er hatte dem Weine all zu haltlos zugesprochen und war so in den Graben gestürzt und sodann gestorben.

(Bild von einem, der mit dem Gesicht nach unten vor einer Kneipe unter einer Straßenlaterne auf der Straße liegt, die Flasche noch in der Hand)

An jedem Tag der Woche kamen aber die Herren aus der Stadt zu Loreas Bruder und gingen ihn um die Schulden an, die der Vater bei ihnen hatte. Sie sprachen zu ihm:“dein Vater hat sich glänzende Taler von uns geben lassen, um sich Wein zu kaufen. Jeden Tag sagte er uns, dass er am morgen zur Arbeit auf unsere Felder gehen wolle und uns so die Taler vielfach zurück zahlen würde. Doch zur Arbeit auf den Feldern kam er nicht. Jetzt haben wir die Taler nicht mehr und die Felder liegen brach. Du sollst nun für die Schuld deines Vaters für uns arbeiten und erst wieder Heim gehen, wenn du die Taler abgearbeitet hast oder d Rücken von der Arbeit bricht.“

(Bild von einem Inkassobrief auf dem Couchtisch neben Aschenbecher, Kippen und Bierdose)

Doch Loreas Bruder war verbittert im Herzen, denn das Schicksal seines Vaters grämte ihn sehr. So sprach er schließlich im Zorn zu den Herren aus der Stadt:“Ich will nicht arbeiten für meines Vaters Schulden, denn er war ein schlechterer als ich und hat mir nicht Brot noch Holz für den Ofen hinterlassen. Alles gab er her für seinen Wein. Ihr gabt ihm die Taler und wusstet doch, das er nur Wein dafür trinken wollte und nimmer seinen Rücken auf den Feldern beugen wollte. Ich kann nicht für Eure Torheit und nicht für die Trunksucht meines Vaters. Geht und kommt nie wieder!“

Da wurden auch die Herren aus der Stadt zornig und schlugen Loreas Bruder und traten ihn mit Füßen, bis er am Boden lag und dann noch. Als sie von ihm ab ließen, sprachen sie:“ Wir kommen morgen wieder und den Tag danach und am Tage danach. Wir wollen dich jeden Tag schlagen und mit Füßen treten, bis wir als Mindestes die Taler von dir haben, die uns dein Vater zurück zu zahlen versprach.“

(Bild vom Bruder, blutend am Boden, die Eintreiber stehen drohend über ihm)

Da weinte Loreas Bruder bitterlich und alle Hoffnung wich aus ihm und sein Herz wurde finster. Aus dieser gramen Verzweiflung heraus sprach er:“ Ich habe eine Schwester, die ist jung und schön. Nehmt sie zu Euch und sie soll bei Euch liegen und Euch dienen. So Ihr das aber tut, sollt ihr nimmer mehr von meines Vaters geliehenen Talern sprechen und mich nimmer mehr schlagen und mit Füßen treten.“

Da nahmen die Herren aus der Stadt die schöne Lorea mit und sie musste bei jedem von ihnen liegen und ihnen dienstbar sein, bis die Herren aus der Stadt es leid waren, dass Lorea bei ihnen lag und sie auch nicht mehr wollten, dass sie ihnen dienen sollte.

(Bild von einer offenen Zimmertür. Ein schlaffer Arm ist mit einer Handschelle am Bettgestell befestigt. Ein Mann geht aus dem Zimmer, schließt sich die Gürtelschnalle, ein anderer geht hinein)

Sie trugen die schöne Lorea zur alten Hexe in den Wald. Die Hexe zahlte den Herren aus der Stadt noch viel mehr Taler als sich der Vater je geliehen hatte, denn im Haus der Hexe gab es Frauen und Mädchen, die bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern liegen mussten und die Hexe bekam dafür viele Taler von den garstigen Männern und einen Teil der Beute von den schmutzigen Räubern.

(Bild von einem Bordell im Wald. Leuchtreklame „Exotic Dance, Sweet and Bitter“ oder so in der Art. Auf dem Parkplatz stehen viele Motorräder.)

Als nun Lorea Jahr und Tag im Haus der Hexe bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern gelegen hatte und schon fast jede Hoffnung aus ihrem Herzen gewichen war, kam die Hexe zu ihr und sprach:“Geh und wasche dich bis du ganz sauber bist und kämme dir dein Haar bis es gülden glänzt, denn es kommt der Hauptmann aller Räuber des Waldes und er hat von deiner Schönheit gehört und will, dass du bei ihm liegst.“ Aus Angst vor harter Strafe tat Lorea, wie ihr geheißen war. Alsdann schloss sie die Hexe in ihrer Kammer ein, wo sie des Räubers harrte.

Mit großem Getöse und mit derben Scherzen polterten des Abends die Räuber in das Haus der Hexe. Sie waren noch schmutziger als sonst, denn sie hatten üppig Beute geschlagen und hatten schon in ihrem Lager mit Wein gefeiert. Der größte und schmutzigste von ihnen war ihr Hauptmann. Sogar die Hexe hatte große Furcht vor dem Hauptmann. Denn wenn einer nicht gab, was er verlangte, wurde er von seiner schwarzen Fee laut niedergeschrien und mit ihrem Donnerzepter geschlagen.

(Bild von einer Horde Biker auf dem Parkplatz vor dem Bordell, die zum Teil gerade von den Motorädern steigen und zum Teil schon abgestiegen sind. Der größte und breiteste hat eine Flasche in der Hand hoch erhoben. Auf Dem Rücken der Lederwesten ist ein Gang-Logo)

Als nun Lorea beim Hauptmann aller Räuber des Waldes liegen musste sprach ein helles Stimmlein zu ihr. „Wisse: Einst war ich die lieblichste Fee und alle nannten mich Silberglöckchen. Doch jetzt bin ich so lange bei den schmutzigen Räubern, dass mir alle Hoffnung aus dem Herzen gewichen ist. Ich selbst bin nun ohne Hoffnung und ganz schwarz geworden. Lass nicht die Hoffnung ganz aus deinem Herzen weichen, sonst wird auch dein Herz schwarz und dumpf wie eine alte schwarze Glock.“ Und obwohl Lorea selbst genug Leid für sich hatte, rührte sie das Schicksal der alten Glock.

Lass uns beide einander Hoffnung geben“ sprach da Lorea zur alten Glock, denn der Hauptmann war bald neben ihr im Rausch eingeschlafen. „Sage mir wo du bist und ich will dir helfen so gut ich es vermag. Vielleicht kannst ja du mit meiner Hilfe in die Freiheit fliegen ehe der stinkende Hauptmann wieder erwacht. Schon damit dass du wieder in Freiheit bist, würde ich wieder ein wenig Hoffnung im Herzen tragen können. Genug Hoffnung vielleicht, um mein Leid zu ertragen, denn ich muss hier Tag um Tag bei garstigen Männern und schmutzigen Räubern liegen.“

Da sah die alte schwarze Glock, dass Lorea sich ein tapferes Herz bewahrt hatte und jede der anderen würde helfen können.

Siehst du das lederne Beutelchen des Hauptmannes?“ Sprach die schwarze Glock. „Öffne es und lasse mich da heraus frei, und ich werde den Hauptmann und alle, die dir Böses wollen, anschreien und sie mit meinem Donnerzepter schlagen, denn ich bin es Leid einem schmutzigen Räuber zu dienen.“

(Bild vom Gesicht Loreas. Sie liegt auf dem Rücken, der Körper von einem dicken Biker verdeckt, der die Hosen in den Kniekehlen hängen hat und auf ihr liegt. Ihr Blick ist auf eine Pistolentasche am Gürtel des Bikers gerichtet.)

Sobald Lorea das Beutelchen des Hauptmannes geöffnet hatte, sprang ihr die alte schwarze Glock in die Hand und schmiegte sich ganz in die Hand hinein, und Lorea und die alte schwarze Glock genossen einander Wärme und Güte spüren zu lassen. Doch als sich Lorea und die alte schwarze Glock dem Hauptmann aller Räuber des Waldes zuwandten, schrien sie ihm gemeinsam all ihre Wut und Wehe entgegen und die alte schwarze Glock schlug ihn fürchterlich mit ihrem Donnerzepter vor die Brust und auf die Stirne hin. Sodann kamen die anderen schmutzigen Räuber gelaufen, denn sie wunderten sich wer da so schrie und donnerte und Lorea und die alte schwarze Glock schrien auch gegen sie fürchterlich und das Donnerzepter traf sie alle und streckte sie lang auf dem Boden hin.

(Bild von Lorea noch in Strumpfbandhalter und Korsage wie sie mit der Rauchenden Glock vor ihrem Zimmer steht. Durch die geöffnete Tür sieht man den dicken Biker auf dem Bett und einige seiner Kumpane auf dem Boden liegen.)

Als dann die Hexe kam, denn es sorgte sie um ihren Anteil an der Beute der Räuber, schrien Lorea und die alte schwarze Glock auch die alte Hexe so über das Unrecht gegen die Frauen und Mädchen in ihrem Hause an, das ihr die Ohren klangen. Das Donnerzepter traf sie viele Male, bis die Wut Loreas und der alten schwarzen Glock für ein erstes gestillt war. Zu den Mädchen und Frauen in den anderen Kammern im Haus der Hexe sprach Lorea:“Geht fort aus diesem Haus und diesem Wald und sucht euer Glück anderswo und denkt nicht zurück an garstige Männer, schmutzige Räuber oder die Hexe, denn die sind für immer fort.“ Dann schenkte sie jeder einen Teil aus der Beute der Räuber und verbrannte das Haus der Hexe mit allen Räubern darin, auch wenn die noch so stöhnten oder um Gnade bettelten.

(Bild von Lorea in Jeans und Lederjacke, wie sie mit der Pistole an der Hüfte auf ein Motorrad steigt. Im Hintergrund kämpft ein großes Aufgebot an Feuerwehr gegen die Flammen, die aus den Fenstern des Bordells schlagen)

Alsbald wurden auch die Herren aus der Stadt und der verbitterte Bruder Loreas von Lorea und der alten schwarzen Glock zornig angeschrien und mit dem Donnerzepter geschlagen.

Lorea aber kehrte ihrer Heimat den Rücken und zog mit der alten schwarzen Glock in die Welt.

Wo immer nun Frauen und Mädchen bei garstigen Männern liegen müssen oder bei schmutzigen Räubern, können sie sich etwas Hoffnung bewahren. Denn Lorea und die alte schwarze Glock werden eines Tages auch zu ihnen kommen und zornig schreien und jeden mit dem Donnerzepter schlagen, wenn er garstig oder schmutzig Böses getan hat.

Schreibübung 12

Mittwoch

Es ist zum Verzweifeln. Der angekündigte Forscher ausKairo lässt weiterhin auf sich warten und mir läuft die Zeit davon. Aus KNISTER „Abenteuerreise mit Hexe Lilli“, Seite 56

Donnerstag

Es hat sich bewegt. Als ich morgens ins Labor kam lagen die Proben nicht mehr so wie gestern. Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Proben bewegt wurden. Ich war gestern der letzte im Labor und habe sehr sorgfältig alles abgeschlossen. Als ich gegen vier Uhr (Ich konnte einfach nicht schlafen) wieder ins Labor kam, lagen die Finger 58.17c und 58.17d nicht mehr mittig in den Schachteln sondern ganz am Rand. Die Oberfläche an der Fingerspitze erscheint mir viel weniger stumpf zu sein. Fast als wäre der Stein poliert worden.

Auf dem Wasserturm gegenüber habe ich zwei Männer mit Ferngläsern gesehen. Jemima sagt, dass die Siedler hier ein bisschen angespannt sind. Das sei wegen der Anschläge in Za‘atara. Jemima bringt mir nachher eine Luftmatratze und meine Zahnbürste vorbei. Ich bleibe im Labor. Mosches Vater war mit Matzenknödelsuppe und Gemüsepfanne hier. Er wird mir nachher ein paar Flaschen Wasser und Lebensmittel vorbei bringen.

Es ist jetzt 23:30 Uhr. Mosches Vater war bis eben hier. Er heißt Abraham und wir sind jetzt per Du. Wir haben uns über alles mögliche unterhalten und Wein getrunken. Später dann Arak (ערקmit Grapefruit. Ich habe jetzt Trinkwasser und Lebensmittel für mehrere Tage. Auch ein CD-Radio hat er mir mitgebracht. Abraham findet das alte Küchenradio an meinem Schreibtisch sollten wir für die Archäologen der Zukunft irgendwo vergraben. Es gibt schlechte Nachrichten. Der Forscher aus Kairo ist nicht in Tel Aviv angekommen. Dr. Stern ist telefonisch nicht erreichbar, auch seine Sekretärin macht sich große Sorgen. Im Gehen hat mir Abraham mit vielsagendem Blick einen kleinen Aktenkoffer hingestellt. Ich bin immer noch ganz entsetzt, dass ich über den Revolver und die alte Uzi nicht wütend bin. Wer hätte gedacht, dass ich einmal mit einer Pistole unterm Kopfkissen schlafe.

Freitag

Es ist 03:45 Uhr. Trotz des vielen Alkohols bin ich von Kratzgeräuschen wach geworden. Die Finger 58.17a und 58.17d winden sich wie Würmer. Finger 58.17c zuckt ein wenig, gerade soviel, dass man es bei genauem Hinsehen mit bloßem Auge erkennen kann. Auf Berührung mit der Pinzette liegen sie für ca. sieben Sekunden wieder starr und steif bevor sie sich wieder langsam auf die Bewegungsintensität von davor steigern. Ich bin total fasziniert davon, dass sich harter Stein so geschmeidig bewegt. Bei der Ausgrabung erreiche ich niemanden. Abraham, Jemima und Sterns Sekretärin sind ebenfalls nicht zu erreichen. Ich habe etwas wundervolles entdeckt und erreiche niemanden um meine Aufregung zu teilen. Zu allem Überfluss ist der Kaffee nach dieser letzten Kanne aufgebraucht. Vielleicht traue ich mich ja doch einmal in den kleinen Supermarkt der Siedler?

Jetzt ist es 04:30 Uhr. Alle Finger der Steinfigur zappeln regelrecht. Dabei glänzen sie jetzt wie frisch polierter schwarzer Granit. Der Strom ist aus und ich habe kein Handynetz. Das Telefon im Archiv ist auch tot. Die Notbatterie reicht gerade für die Schreibtischlampe und meinen Laptop. Das Notstromaggregat im Keller ist ohne Funktion. Ich verstehe nichts von Motoren und Maschinen, kann also auch nichts reparieren.

09:30 Uhr. Muss eingeschlafen sein. Kaffee kalt. Batterie leer. Laptop-Akku auf 60%. Die Siedlung ist wie ausgestorben. Finger kratzen alle synchron wie Morsecode. Kurz kurz – Pause – langsam zusammenkrümmem kurz kurz kurz wieder langsam – längere Pause – kurz langsam kurz – pause- dann von vorn. Es macht mich Wahnsinnig!

Auf dem Wasserturm stehen jetzt drei Männer mit den breitkrempigen Hüten der Orthodoxen.

14:20 Akku 7%. Jemand donnert mit roher Gewalt gegen die Stahltür zur Straße. Völlig synchron mit den kurzen Zuckungen der Finger.

Ich habe Panik. Ich bin verrückt. Eine über lebensgroße Engelsstatue mit abgebrochenem Flügel und nur einem Bein kämpft sich die viel zu enge Treppe hinauf. Die Finger! Die rechte Hand hat keine Finger! Ich habe aus dem Fenster um Hilfe gebrüllt. Die Männer haben mich mit Gesten und nicken ihrer Hilfe versichert und sich dann Alufolie um die Köpfe gewickelt und ihre Hüte wieder darüber gesetzt. Ich muss ganz schlecht träumen.

Ich wache einfach nicht auf. Akkuanzeige blinkt rot.

Der schwarze Engel ist in der Tür. Draußen

-Ende der Datei-

Heiligabend

Es ist Heiligabend. Die Familie sitzt zum späten Frühstück im Wohnzimmer. Es läuft Die Muppets Weihnachtsgeschichte. Sehr schön und im Moment ruhig.

Heute morgen war hier noch geschäftiges Treiben. Aus Sorge um ihr Weihnachtsfest haben sie heute, gefühlt zum ersten Mal, in hektischem Aktionismus das Wohnzimmer aufgeräumt. Zwei von meinen Süßen haben Brote geschmiert und Obst aufgeschnitten. Wir haben eine Frühstückspause ausgerufen und den Fernseher angemacht. Mein jüngstes Kind macht neben an im Schlafzimmer Blödsinn.

In meinen Gedanken tobt die unruhige Leere. Ich muss ständig an die Familie denken, die ich um meiner seelischen Gesundheit wegen hinter mir gelassen habe. Es tut zu Weihnachten immer noch einmal weh.

Ich denke an meinen Vater, der nie bemerkt hat wie sehr es schmerzt, wenn man dem eigenen Papa nie gut genug ist, wenn man Erwartungen einfach nicht erfüllen kann und wenn man es auch noch so sehr versucht.

An meine Mutter, deren Ratschläge sich auf „Lass Dich nicht so hängen!“, und deren Zuspruch sich auf „Was soll bloß mal aus Dir werden?“ beschränkten.

Ob sie wohl schon viel Alkohol getrunken haben? Was sie wohl über mich und meine Frau so erzählen? Wahrscheinlich bin ich undankbar und meine Frau hat mich unter ihrer Knute und mich verdorben.

Wir werden alkoholfrei feiern, abends etwas gutes essen und uns ehrlich über die von den Kindern gebastelten Geschenke freuen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Wir schmücken vorher zusammen den Baum, den wir dank einer Fügung doch noch für kleines Geld in die Wohnung holen konnten.

Weihnachten ist schon ein seltsames Fest. Wir sind gar keine Christen, denen „heute ein Heiland geboren“ wurde, keine Juden, die sich an das Wunder des zweiten Tempels erinnern oder so. Trotzdem hoffen wir auf alles Liebe für alle und Frieden auf Erden. Gleichzeitig verknoten sich meine Gedärme und ich fürchte mich. Ich weiß nicht wovor.

Ich denke an die schlimmen Dinge, die die Medien in den letzten Tagen und schon das Ganze Jahr beschäftigt halten. An gute Nachrichten kann ich mich erst erinnern wenn ich in meinem trägen Bregen danach suche. Ich sage ja: Seltsam.

Meine Kinder fragen nach dem Weihnachtsmann und den Geschenken. Ich muss hier aufhören, in die Küche gehen, das Fest vorbereiten. Mein Schatz hat Weihnachtsmusik angemacht und meine Kinder machen einen schönen Tee für alle.

Also:

Ich wünsche Frieden, Freude, Besinnlichkeit und Hoffnung zumindest für Heute mal. Allen! Egal ob sie heute im Obdachlosenheim sitzen oder in die Karibik geflogen sind, ob sie die Uniform einer Armee tragen oder einen OP-Kittel, ob sie Geld haben oder Hunger, ob sie in Aleppo in Dreck und Trümmern sitzen oder auf einem Thron. Weihnachten mal einen Moment ruhigen Glücks für alle.

Drei Wale

Drei Wale sind auf meinem Badewannenrand gestrandet. Ein paar Schaumblasen hängen noch an ihnen. Nach dem ein kleiner Mensch mit viel Schaum und guter Laune mit ihnen geplanscht und gespritzt hat, sind sie dann am auf dem Rand liegen geblieben während das schaumige Nass durch den Abfluss dem dunklen Abgrund unserer Kanalisation entgegen strebte.

Jetzt ist es ruhig im Badezimmer. Das Kinderlachen erklingt anderswo und die Wanne ist trocken gefallen. Nur ein paar letzte Blasen ganz unten am Fußende, unglücklich dazu verdammt eine nach der anderen zu zerplatzen erinnern an die lustige Schaumorgie des kleinen Menschen und der drei Wale.

Ein kleiner Mensch kann aus starrem Plastik noch ganze Welten voller Abenteuer und Leben erstehen lassen. Sie fliegen in seinen Händen über Berge und Täler aus weißem Schaum, der mal nach Honig und Zimt duftet und mal nach Mandarine oder Blütenzauber. Ein paar Minuten schafft es der kleine Mensch so, dem matschigen Herbstwetter vor dem Fenster mit einem Hakenschlag aus warmem Seifenwasser und Plastikwalen zu entkommen, um in Fantasiewelten zu schwelgen, in denen es schön und aufregend ist und das Leben wohlig duftet.

Wenn ich jetzt dreckige Wäsche aufsammle und draußen das schmuddelige Berliner Herbstwetter sehe, keimt in mir die Sehnsucht nach Sonnenschein und einer Wiese mit einem Baum unter den ich mich in Ruhe legen kann, um den Vögeln am Himmel zu zu sehen, wie sie in ständig wechselnden Bahnen über das klare Blau des Himmels segeln.

Ist es das gleiche? Ist meine Wiese vor dem Haus in der Sonne auch wie die Welt, in der Wale über weiß glitzernde Schaumgebirge fliegen?

Ich glaube die Antwort ist „ja, aber“. Denn wo der kleine Mensch es noch problemlos schafft komplett in seine Abenteuerträume hinein zu gleiten, wie sein Körper in der Badewanne ganz untertauchen kann, bleibe ich mit den Händen in der Schmutzwäsche oder mit dem Blick am Fenster kleben, ganz so wie mein Körper eben nicht mehr ganz in der Wanne untertauchen kann, sondern nur die Wahl bleibt, ob ich entweder die Beine oder den Kopf mit ins warme Wasser tauche.

Also kann ich zwar auch noch wie ein kleiner Mensch in meine Fantasie abtauchen, aber es bleibt ein Anker in der schmuddeligen Herbstwelt zurück, wie Knie, die aus der Wanne ragen.

Um weiter Bildlich zu sprechen: Meine Fantasie braucht eine größere Wanne um wieder mit Walen fliegen zu können.

Es ist Talk-like-a-Pirate-Day!

Captain MacRooster trat an Deck.

Die Sonne knallte ihm ins Gesicht, wie es die Pfanne von Smutje Featherbousom nicht brutaler hätte tun können. Der Captains Steward stand bereits mit seinem heißen Seemannskaffee da. Aufgebrühte verkohlte Zwiebackbrösel konnten nicht wirklich die Lebensgeister eines verkaterten Gockels wecken, waren aber mit einem guten Schuss Rum darin ein Anfang.

Der Steward sah betreten auf seine Schuhe. „Empfehlung von Dr. Goosebeaker, Sir, Sie möchten bitte schon einmal ein paar Worte für die Beisetzung von Leutnant Bluedove vorbereiten. Er wird heute noch …“ Die Stimme des Stewards verebbte. Steward Jean-Paul Passeride war ein junger Mann, der mit einer Gruppe Strafgefangener an Bord der Stormgull kam, die Captain MacRooster von einem französischen Priesenschiff in den Dienst bei der Royal Navy übernommen hatte. Das der junge Belgier weder den Magen noch die Nerven zu einem echten Seemann hatte war MacRooster schon nach wenigen Tagen klar. Passeride war an Land der Sekretär eines Grafen gewesen. Als Steward war er richtig gut, solange es keinen heftigeren Seegang gab. In ein paar Monaten würde aber auch das kein Problem mehr sein.

Der Captain nickte, nahm einen Schluck seines Frühstücks und stieg die Treppe zur Brücke hinauf. Der Steuermann hielt mit der Linken das Steuerrad und kratzte sich müde mit der rechten den Bürzel als der Captain die Brücke betrat.

MacRooster räusperte sich.

Steuermann Jepedias Lark ruckte sich selbst in eine aufrechte Haltung und legte die Rechte nun grüßend an seine Kappe. „Morgen, Captain!“

„Stehen sie bequem, Mr. Lark“ Der Captain leerte seine Tasse und hielt sie dem Stewrad hin der sie aus dem Silberkännchen nachfüllte und aus der Zuckerdose mit zwei Löffeln Zucker komplettierte. „Passeride,“ MacRooster war des französischen nicht mächtig, und so sprach er den Namen des Steward sehr englisch aus. „bitte sagen im Anschluss an meinen Kaffee Duckling, er möchte bitte so freundlich sein und Mr. Lark am Steuer ablösen.“ Er wand sich dem Steuermann zu. „Und Sie Mr. Lark gehen dann als erstes zu Dr. Goosebeaker und lassen Ihren Federfilz behandeln. Keiner meiner Crew sollte sich im Dienst den Bürzel kratzen müssen. Besonders nicht auf der Beisetzung des ersten Offiziers.“

„Ay, Captain. Tut mir leid Captain.“

 

 

Tut mir leid, mehr Muße hatte ich heute nicht zum Schreiben. Nächstes Jahr ist ja wieder Talk-like-a-Pirate-Day, da habe ich vielleicht mehr Ruhe und schreibe weiter..?

Der M.

Die Bisolare Welt – Schanvars Erwachen

Schanvar Heißer-Sand legte Ihre Sandalen an. Sie war besonders Stolz auf diese Sandalen, denn Nana hatte die sehr giftige Sandviper selbst gefangen und ihre große Schwester hart für das Leder arbeiten lassen. Aber jetzt hatte sie die schönsten breiten Riemen im ganzen Stamm um die Waden geschnürt. Violett und Zähbraun gemustert. Olminio sagt immer, für ihn sind die Sandfarben wie alles im Dorf der Tenebren, aber dem hat seine Goldsonne nur einfach die Augen verdörrt.

Auf der Bank vor ihrer Hütte lag ihre Schleuder, ein Beutel mit möglichst perfekten Tonmurmeln und ihr gefiederter Knochendorn.

Sie sah dem dummen Olminio nach, der jetzt, wo Ihr Tag gerade erst begann in der Hütte seiner Eltern verschwand. Das hieß zwar, das Olminio wohl nicht mit auf die Jagd kommen würde, aber dafür würde es angenehm kühl in den Dünen sein, denn die heizende Sonne des goldenen Jungen würde bald untergehen oder war schon hinter dem Horizont verschwunden. Wahrscheinlich war sie schon untergegangen, denn die Laterne über der Bank vor Olminios Haus war bereits entzündet worden.

Schanvar griff hinter den nebelfarbenen Perlenvorhang, der die Hütte für fliegendes Ungeziefer verschloss und zog ihren Umhang vom Haken herunter, drehte ihn zusammen und band ihn sich um die Taille. Vielleicht wurde es später ja zu kühl.

Als sie ihre Schleuder, die Tonmunition und den Dorn endlich zufriedenstellend an der Hüfte baumeln hatte, zog sie los.

Die anderen Kinder im Dorf waren entweder viel älter als Olminio und sie oder kleine Hosenscheißer wie Nana. Also zog Schanvar entweder mit Olminio oder allein zur Jagd aus. Die großen nahmen sie nicht mit, bis sie nicht etwas echt beeindruckendes von der Jagd mit nach Hause brachte. Wie jeden Morgen hatte sie heute vor, so einen Jagderfolg zu erringen. Mal sehen, was so aufzuspüren war.

Sie rannte über die Pfade zwischen den westlichen Feldern und war in wenigen Minuten in den Dünen. Im Vorbeigehen griff sie eine halbwüchsige Strandnatter, hieb sie mit dem Kopf auf einen Stein und legte sie in ihren Beutel, den sie für ihre Jagdbeute auf dem Rücken trug. Eine Natter war nichts beeindruckendes, aber so würden Nana und sie abends eine Brühe essen, die nach Fleisch schmeckt und nicht nur nach Kohl und Bohnen.

Wenn die goldene Sonne nicht am Himmel steht und die goldenen Möwen nicht herum schreien, vertieft in den ewigen Streit um ihr Futter, war es angenehm still in den Dünen. Die Schwalben jagten über dem matten Gras nach Insekten und zeigten dabei die große Kunst ihrer waghalsigen Flugmanöver. Skorpione verkrochen sich gerade noch in ihren Löchern und je nach Gezeiten suchten Krabben den Strand nach Fressbarem ab.

Schanvars Schritte wurden kleiner und langsamer. Jetzt war sie voll in ihrem Element. Besonnen setzte sie ihre Füße lautlos auf. Schleichen und sich verbergen konnte sie wie kaum ein zweites Kind im Stamm. Sie legte eine große, gewichtete Murmel in ihre Schleuder ein. Schließlich wollte sie heute etwas Beeindruckendes jagen, dafür nimmt sie ja keine kleine Vogelmurmel.

 

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Schanvar sich damit ab fand, dass heute wieder nicht ihr Namenstag war. Eine schlafende Taube von einer verkrüppelten Pinie herunter zu schießen, war sicher nicht beeindruckend genug für den Schamanen des Sieben-Schwingen-Stammes, um ihren Kindernamen auszulöschen. In anderen Stämmen war das wohl anders. Bestimmt wurden die Kinder da nicht mit Seelenlosen Namen entwürdigt. Heißer-Sand? Was soll das denn sein? Welche Weisheit hat denn Sand zu lehren? Erwachsene, bzw. Kinder die von ihrem Totem erwählt waren hießen Auf-den-Schwingen-des-Geiers oder Vom-Blut-des-Bären. Bevor ihr großer Bruder erwachsen war und zu seiner Frau ins Dorf Kühler-Bach zog hieß er noch Feld-unter-der-Sonne. Jetzt ist er Bonvi Schwimmt-mit-Forellen. Schanvar wollte so gerne auch nach einem schnellen bunten Tier heißen. Ein Fisch würde ihr ja reichen. Aber Sand!?

Fisch ging ihr irgendwie nicht aus dem Kopf. In der aufgenähten Tasche ihres Murmelbeutels waren immer Sehne, Haken, und Schwimmer sorgsam und ordentlich verstaut. Ein am Feuer gegrillter Fisch war das, was sie zur Aufmunterung heute brauchte. Aus zwei Taubendaunen und der Schwanzspitze der Natter bastelte sie sich einen hübschen Köder, setzte sich an die Bachmündung auf den großen Felsen und warf ihre Leine aus. Die große Pinie hier spendete dunklen Schatten, der die Fische in Sicherheit wiegte. Manchmal hat sie hier schon recht große Beute geangelt. Wenn das aber auch nichts würde, würde ihr das für heute den Rest geben.

Der Bach plätscherte friedlich über die Steine ins Meer. Wellen schwappten ungestört gegen den Fels. Die Welt war langweilig und ereignislos.

Schanvar hingegen hatte keine Ruhe. Ständig kontrollierte sie den Köder und ärgerte sich dann, dass sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen konnte. Noch bevor die schwarze Sonne im Zenit war gab gab sie den Tag als verloren auf. Kein aufregendes Jagdglück und beim Angeln nur einen kalten Hintern bekommen. Sie warf ihren gebastelten Köder wütend ins Meer. Ein beeindruckender Fischrücken tauchte kurz auf bevor der Köder mit einem glucksenden Geräusch verschwand. Na prima! Das hätte ihr Abendessen sein können.

Während sie resigniert ihr Angelzeug aufwickelte und verstaute, hörte sie ein Grunzen von rechts. Rechts war der Strand, wo die Luminaren aus der Stadt verliebt unter ihrer Sonne Händchen hielten. Da war noch nie etwas tolles passiert. Andererseits war für die ja jetzt Nacht. Schanvar stieg über den kleinen Hügel auf dem die Schatten spendende Pinie stand, um den Strand sehen zu können.

Drei große Wale lagen da im hellen Sonnenschein auf dem Sand und schnauften gequält. Ein Geschenk der Schwarzen Sonne. Ganz bestimmt. Es waren zwar keine der farbenfrohen Wale der schwarzen Sonne, sondern irgendwelche farblosen Goldwale, aber das musste ein Zeichen sein.

Wie in Trance ging Schanvar auf die riesigen Tiere zu. Der größte von ihnen war bestimmt 25 oder mehr Schritte lang und überragte das Mädchen vielleicht sogar höher als ihre Hütte im Dorf. Das musste sie Ihren Eltern und den anderen im Stamm sagen. Das kopfgroße Auge sah ihr seltsam eindringlich entgegen. Sie drehte sich um und rannte los.

Während ihre Füße über den Sand vom Strand und den Dünen flogen, flogen auch Schanvars Gedanken. War das das erwartete Ereignis? War sie vielleicht Schanvar Mit-dem-Auge-des-Wals oder Schanvar Große-Walfinne? Schanvar fand Bote und Fischen doof. Walen hatte sie nie einen Gedanken geschenkt. Es gab bei den fünf Vogelstämmen auch ein paar Walfänger, die jedes Jahr, wenn die großen Schulen nah am Ufer vorbei zogen, ein paar von ihnen erlegten. War das ihr Schicksal?

Egal! Jedes Totem war besser als Sand! Und Wale bedeuteten Fleisch, Knochen und Tran. Mehr Fleisch, als das ganze Dorf oder sogar der ganze Sieben-Schwingen-Stamm essen konnte. Schanvar nahm ihre Umgebung gar nicht mehr war. Diese Wege war sie schon so oft gelaufen, dass die Füße das auch ohne Beteiligung den Kopfes erledigen konnten.

So überraschte sie der Schlag, den sie gegen den Kopf bekam völlig. Sie versuchte noch zu sehen, was sie da geschlagen hatte, aber sie stürzte aus vollem Lauf. Sie überschlug sich. Die Welt wurde ein wirres Knäul aus oben und unten, aus Sonne, Himmel, Boden und Bohnenranken. Ihre Hand suchte noch im Fallen nach ihrem Knochendorn. Als die Welt wieder zur Ruhe kam, wollte sie sofort wieder auf die Füße springen und sich ihrem Angreifer stellen.

„Unten bleiben!“ zischte sie ein dünnes helles Stimmchen an.

Schanvar kauerte sich in eine Haltung auf den Boden, aus der sie zur Not wenigstens schnell los sprinten könnte. Sie blickt sich um.

Vor ihr am Boden lag eine kleine braune Schwalbe und rappelte sich gerade auf und schüttelte den kleinen Kopf. Hatte da jemand eine Schwalbe nach ihr geworfen?

Der winzige Vogel blickte durch die Bohnenranken in Richtung Dorf. Ihr wurde schwindelig. Es stiegen Rauch und Flammen aus den Hütten. Einige Luminare saßen auf Pferden. Sie hatten das Dorf regelrecht umstellt. Sie hatten Armbrüste, Lanzen und Helme mit farblosen Federn. Einige Männer zu Fuß mit Armbrüsten und Äxten gingen auf die Felder zu. Einer lachte laut. „Die hab ich im vollen Lauf erwischt!“

Das zarte Stimmchen war wieder da. „Los, zurück in die Dünen und dann weg!“ Schanvar gehorchte. Sie flitzte geduckt durch die Reihen des Bohnenfeldes bis zum nächsten Pfad in Richtung Meer, dort rannte sie so schnell sie es gebückt konnte zurück in die Schilf bestandenen Hügel.

„Für die ist es dunkel, die werden nicht lange Zeit verschwenden dich zu suchen“ Wieder diese kleine Stimme. Schanvar blickte sich um. Aber da war niemand. Sie betastete Ihren Kopf. Da war nichts, nicht einmal eine Beule.

„So hart habe ich Dich nicht getroffen, Schanvar. Aber wir müssen erst einmal hier weg. Sollten die Soldaten zu Pferde noch eine Runde auf der Suche nach dir reiten, sind wir lieber nicht mehr hier.“

„Wo bist Du denn?“ Schanvar sah sich um. Vielleicht hatte sie der Schlag gegen den Kopf doch härter getroffen als sie das zuerst annahm, jetzt stolpert sie vielleicht gerade verwirrt über die Felder, wie der alte Handri Zwei-Nattern, kurz bevor er starb. Wieder tasteten ihre Finger den Kopf ab.

„Ich werfe einen Blick auf das Dorf. Du läufst zu deinem Angelplatz von vorhin. Für die ist es jetzt echt Dunkel, nicht einmal Ihr Mond ist am Himmel. Das ist unser Glück. Wenn Du auf die Pinie steigst, können sie mit den Fackeln so viel fuchteln wie sie wollen, solange Du leise bist sehen die Dich nicht.“

Schanvar nickte. „Aber wer bist Du?“

Eine kleine braune Schwalbe hüpfte aus dem Schilf vor ihr in den Sand. Das zarte Stimmchen kam von dem Vogel. „Ich bin Schwalbe. Ich komme zur Pinie, dann reden wir.“

 

Als Schanwar nach Atem ringend an der Pinie ankam brummte es ihr im Kopf. Das Dorf in Flammen. Wale am Strand. Die Luminaren wollten sie mit der Armbrust erschießen! War sie jetzt Schanvar Wal-irgendwas oder Schanvar Irgendwas-mit-Schwalbe? Können Vögel sprechen? Niemand kann sich mit einer Schwalbe unterhalten. Wo sind ihre Eltern und Nana? Ein doofer Tag.

Sie griff nach den unteren Ästen der Pinie und stieg auf den alten Baum. Oben saß die Schwalbe schon auf einem Ast und sah sie an. Normale Vögel würden jetzt weg geflogen sein.

Leise raunte sie ein „Hallo Schwalbe.“, das müde und verzweifelt klang.

„Hallo Schanvar.“

Einige Zeit wurde von Schanvar und Schwalbe mit Schweigen angefüllt. Schanvars Kopf brütete schwer über die Geschehnisse des Tages und aus der Angst um ihr Dorf und ihre Familie liefen ein paar Tränen über die Wangen des Mädchens.

„Deine Mutter ist heute Mittag mit Nana zu Deinem Bruder nach Kühler-Bach gegangen und wollte dort auch übernachten.“

Schanvar blinzelte und wischte ihre Tränen aus den Augen und sah den kleinen Vogel an.

„Dein Vater hat versucht zu kämpfen. Sie haben ihn niedergeschossen“ Schwalbe hüpfte näher. „Es tut mir Leid.“

Das Mädchen nickte. Wieder lief eine Träne.

„Olminio und sein Vater wurden gefangen genommen und auf einem Wagen weg gebracht. Ihnen wird nichts schlimmes geschehen.“ beeilte sich Schwalbe gute Nachrichten nach zu schieben. „Die Männer des Grafen haben zwei gefangene Nordbarbaren mitgebracht und im Dorf erschlagen, damit es wie ein Barbarenüberfall aussieht. Sie wissen nicht, dass es außer Olminio und seinem Vater weitere Zeugen für ihre Tat gibt.“

Schanvar funkelte Schwalbe böse an. „Das macht meinen Vater nicht wieder lebendig.“ Eigentlich hatte sie gar keinen Grund auf den Vogel böse zu sein, aber da war einfach so viel hilflose Wut in Ihr. „Und warum erzählst Du mir das? Schwalben können nicht sprechen.“

„Heute Mittag, als Die Schwarze Sonne hoch am Himmel stand, hat sie Dich gesehen und Dir in ihrer Weisheit ein Geschenk gemacht. Ich werde Dir zeigen, wie Du ihre Magie wirken kannst. Von jetzt an, bleibe ich immer bei Dir.“ Kleine schwarze Vogelaugen blickten sie an.

„Erst, wenn ein Medizinmann ein Stammesmitglied zur Ausbildung zu sich ruft, wird Die Schwarze Sonne dem neuen Schamanen ihre Magie schenken.“ zitierte Schanvar aus den Regeln, die für alle Vogelstämme galten. „Aber Mongi Mücken-über-dem-Wasser war gar nicht in unserem Dorf. Außerdem werden nur Jungen im Stamm Sieben-Schwingen Schamane“, sie zog die Nase hoch, „und mich kann er schon überhaupt nicht leiden.“ das Mädchen ließ den Kopf hängen.

„Schanvar, schau mich an.“

Wie gegen einen inneren Widerstand hob sie den Kopf und blickte auf Schwalbe, der jetzt direkt auf ihrer Augenhöhe neben ihr auf einem Zweig saß.

„Die Regeln der Vogelstämme gelten für Dich jetzt nicht mehr. Die Schwarze Sonne hat Dich selbst ausgesucht. Kein Priester, Schamane oder Medizinmann hat Dir jetzt noch irgendetwas vorzuschreiben.“

Schanvar schüttelte den Kopf und ließ ihn wieder hängen. „Aber…“

„Jetzt hör mir mal zu!“ Die Autorität in der leisen Stimme ließ Schanvar zusammen zucken und zog den Blick wieder auf die kleine braune Schwalbe, die mit erhobenen Schwingen weiter sprach. „Wenn Du meinst, das Dein Totemgeist und Die Schwarze Sonne selbst sich in Deiner Erweckung geirrt haben, dann gehe ich und komme erst wieder, wenn Du in ein paar Jahren etwas reifer geworden bist. So können wir das auch machen. Aber wenn Du nur ein wenig Vertrauen in Dich und Deine Sonne hast, nennst Du Dich ab jetzt Schanvar Die-mit-Schwalben-Fliegt und bist Dein eigener Stamm und lebst nach Deinen Regeln und Deinem Gewissen.“

Es folgte ein Moment des Nachdenkens. Die Grillen zirpten in den Gräsern der Dünen.

„Wie wäre es mit Singt-das-Lied-der-Schwalbe?“

Schwalbe flatterte mit den Flügeln und schüttelte den Kopf. „Wir können noch einen schönen Namen für Dich aussuchen. Außerdem kann ich nicht schön singen. Singen ist nicht so das Ding der Schwalben. Jetzt gehen wir zu Nana und Deiner Mutter. Dann werden die Häuptlinge der Vogelstämme dem Grafen wohl den Krieg erklären wollen, das musst Du verhindern.“

„Schwalbe?“ Schanvar sah den Vogel zweifelnd an. „Ich bin ein elf jähriges Mädchen. Häuptlinge hören nicht auf kleine Mädchen.“

Schwalbe legte den Kopf schräg. In seiner Stimme klang freudige Erwartung mit. „Das denken die Häuptlinge jetzt auch noch. Sie wissen noch nicht, dass Du jetzt die jüngste Wandernde Medizinfrau unter den zwei Sonnen bist.“ Schwalbe hüpfte noch näher an Schanvars Kopf heran und sah ihr direkt ins rechte Auge. „Du sprichst jetzt mit der Autorität der Geister. Mit der Autorität der Schamanen. Selbst Mongi der Mückenmann muss Dir seinen Respekt bezeugen und Dich als wenigstens ebenbürtig behandeln.“

Das Mädchen musste lächeln. „Mongi der Mückenmann“ wiederholte sie flüsternd.

Schwalbe setzte sich weiter außen auf den Ast, auf dem auch Schanvar gerade saß. „Jetzt bringe ich Dir erst einmal etwas Selbstvertrauen bei. Komm her.“

Irgendwie wusste Schanvar, dass Schwalbe lächelte. Schwalben können nicht lächeln aber sie war sich ganz sicher, dass Schwalbe es trotzdem tat. Sie stand auf und balancierte auf Schwalbe zu.

„Hör gut zu!“ Schwalbe breitete seine Flügel aus und blickte nach vorn. „Breite jetzt Deine Arme aus und blicke zum Horizont. Wenn du bereit bist, stößt Du dich vom Ast ab und…“

Als Schanvars Gewicht den Ast nicht mehr nieder hielt, wurde Schwalbe wie mit einer Schleuder vom Ast in die Luft geworfen. Vor ihm segelte Schanvar im Gleitflug sanft zu Boden, als wäre das für sie nichts anderes als laufen oder Wasser trinken. Sie kam problemlos zum stehen und strahlte nun bis über beide Ohren.

„Na, an Mut und Selbstvertrauen brauchen wir wohl doch nicht zu arbeiten.“

Schanvar rannte los. Mit ausgebreiteten Armen lief sie, als würden ihre Füße den Boden gar nicht berühren. Schneller als als jedes Pferd rannte sie. Über den Bach tat sie eine Satz und segelte bestimmt zehn Schritte weit durch die Luft bis sie weiter rannte. Das war Freiheit.

Neben ihr flog Schwalbe. Sie gehörten nun zusammen und es war, als wäre das auch schon immer so gewesen.

Noch vor dem Abend war sie in Kühler-Bach. Nur kurze Zeit nachdem Ihre Mutter und Nana schon dort eingetroffen waren. Schanvar war nicht einmal außer Atem.